Hannibals Herz

Als Hannibal die Wohnung betritt, liegt ein mundwässernder Duft nach Rotwein, Zwiebeln und Wildbraten in der schweren, warmen Luft.
Was er wenige Momente später im Esszimmer entdeckt, verschlägt ihm jedoch den Atem. In der Mitte des kerzenbeschienenen Esstisches, zwischen kunstvoll drapierten Bratenscheiben, einer Schale mit Petersilienkartoffeln und Rotweinschalotten, glänzt ein metallener Teller, auf dem ein rohes menschliches Herz liegt. Weiterlesen „Hannibals Herz“

Advertisements

Das Märchen von Kasimir dem Pantomimen

Neulich flatterte ein Erinnerungsschreiben des Finanzamts in meinen Kasten. Ich solle doch bitte noch meine Steuererklärung nachreichen, so die Aufforderung. Anstatt die Erklärung zu machen, schrieb ich diesen Text.

Zufrieden besah Kasimir sein weiß getünchtes Gesicht, die schwarzen Augenbrauen und die blutroten Lippen.
Er legte die schwarzen Hosenträger über seine schmalen Schultern, rundete das Bild mit einer schief auf den Kopf gesetzten Baskenmütze ab und verließ fröhlich pfeifend die Wohnung. Weiterlesen „Das Märchen von Kasimir dem Pantomimen“

Jan muss sterben

Der Tag der Rache war gekommen. Jan, an dem das Exempel statuiert werden sollte, ahnte davon leider nichts und verbrachte so den letzten Tag seines Lebens wie jeden anderen. Frustriert von der Belanglosigkeit seiner Arbeit kam er nach Hause und wollte sich mit Bier und Bulette auf dem Sofa ausbreiten und sich vom Fernseher das Hirn aufweichen lassen. Weiterlesen „Jan muss sterben“

Der Nachbar, die Katze

Wenn ich aus meinem Fenster schaue, dann sehe ich im Hinterhof der Nachbarn zu meiner Linken eine alte backsteinerne Remise mit eingefallenem Dach. Auf den blanken Steinen der Mauer wachsen Moose und kleine Bäume. Durch die Öffnung des scheinbar zerrissenen Dachs sieht man einzelne Wände und vermoderte Balken.

In dieser Remise wohnt eine Katzenfamilie, oder viel mehr das, was von ihr übrig ist. Einst beherbergte das Gartenhaus eine Katzenmama mit drei kleinen flauschigen Kätzchen. Bald waren es nur noch zwei, mittlerweile sind die beiden ausgewachsenen Kinder ohne die Mutter unterwegs.

Besonders die Schwester (ich vermutete ganz frech, dass sie weiblich ist, weil sie viel graziler ist als die Geschwisterkatze, die ich für einen Bruder halte) streift regelmäßig durch die Hinterhöfe, über Dächer, durch Nachbarsgärten und erfreut sich der Tatsache, dass sie hier und da etwas zu Fressen und die ein oder andere Streicheleinheit abstaubt.
Auch ich habe regelmäßig katzengerechte Leckereien vorrätig, die ich ihr dann und wann, wenn ich sie sehe, aus dem Fenster werfe. Freudig flitzt sie durch den Hof, sammelt die Leckerchen auf und schmatzt genüsslich vor sich hin, bis sie fordernd in die Höhe schaut, sodass ich noch mehr Knabbereien regnen lasse.

In letzter Zeit habe ich sie regelmäßig abends gefüttert, sodass sie sich schnell angewöhnt hat, bereits auf mich zu warten, sehnsuchtsvoll im Hof zu sitzen und nach dem Fenster aus dem die Leckerbissen kommen, Ausschau zu halten. Nachdem ich mich jedoch gerade an die vertraute Tradition der abendlichen Fütterung gewöhnt habe, kommt sie nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ihr etwas zugestoßen ist, sie einfach nur verreist oder beschäftigt ist oder irgendwo jemand bessere Häppchen verteilt.

Aber ich bilde mir ein, dass sie mir eine Lektion erteilt. Dass sie eine wilde Katze ist, die sich nicht der gemütlichen aber fremdbestimmten Regelmäßigkeit hingibt, sondern Launen statt Uhrzeiten folgt. Und dass wir vielleicht allesamt Wildkatzen sind, die vergessen haben, neugierig durch die Welt zu streifen und ich mich schämen sollte, in so engen Zeitplänen zu denken.