Waschbärenbekenntnisse 4

Meine Hand zittert. Der Kegel der Taschenlampe huscht hin und her an den Wänden des dunklen Bürogebäudes, das verlassen und nach Glasreiniger duftend in der Ruhe des Wochenendes herumsteht.

Endlich angekommen, stehe ich vor der Tür meines Vorgesetzten.
Schuminski, der Idiot! Gefeuert hat er mich. Einfach so! Unerhört, aber nun ja. Weiterlesen „Waschbärenbekenntnisse 4“

Lost in Translation

Ich suche derzeit für mein Auslandssemester, das schon ganz bald losgeht (huiuiuiui) eine Unterkunft in der westfinnischen Küstenstadt Turku.

Da der finnische Wohnungs-, Zimmer- und Sonstigeunterkunfts-Markt der Vorhölle gleicht, treibe ich mich viel in finnischen Mitbewohnersuchgruppen auf Facebook herum.
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Waschbärenbekenntnisse 3

Meine Frau und ich, wir sind nicht nur beruflich extrem erfolgreich. Wir sind auch herausragende Gastgeber. Jeden ersten Freitag des Monats gibt es in unserem Haus ein großes Dinner mit zwanzig fein erlesenen geladenen Gästen. Die Entscheidung, wer eingeladen wird, treffen meine Frau und ich gemeinsam. Es gilt, eine perfekte Mischung nützlicher Personen aus Wirtschaft und Politik sowie spannender Charaktere der Populärkünste einzuhalten, um einen flüssigen und anregenden Gesprächsfluss bis in den späten Abend zu garantieren. Weiterlesen „Waschbärenbekenntnisse 3“

Der Nachbar, die Katze

Wenn ich aus meinem Fenster schaue, dann sehe ich im Hinterhof der Nachbarn zu meiner Linken eine alte backsteinerne Remise mit eingefallenem Dach. Auf den blanken Steinen der Mauer wachsen Moose und kleine Bäume. Durch die Öffnung des scheinbar zerrissenen Dachs sieht man einzelne Wände und vermoderte Balken.

In dieser Remise wohnt eine Katzenfamilie, oder viel mehr das, was von ihr übrig ist. Einst beherbergte das Gartenhaus eine Katzenmama mit drei kleinen flauschigen Kätzchen. Bald waren es nur noch zwei, mittlerweile sind die beiden ausgewachsenen Kinder ohne die Mutter unterwegs.

Besonders die Schwester (ich vermutete ganz frech, dass sie weiblich ist, weil sie viel graziler ist als die Geschwisterkatze, die ich für einen Bruder halte) streift regelmäßig durch die Hinterhöfe, über Dächer, durch Nachbarsgärten und erfreut sich der Tatsache, dass sie hier und da etwas zu Fressen und die ein oder andere Streicheleinheit abstaubt.
Auch ich habe regelmäßig katzengerechte Leckereien vorrätig, die ich ihr dann und wann, wenn ich sie sehe, aus dem Fenster werfe. Freudig flitzt sie durch den Hof, sammelt die Leckerchen auf und schmatzt genüsslich vor sich hin, bis sie fordernd in die Höhe schaut, sodass ich noch mehr Knabbereien regnen lasse.

In letzter Zeit habe ich sie regelmäßig abends gefüttert, sodass sie sich schnell angewöhnt hat, bereits auf mich zu warten, sehnsuchtsvoll im Hof zu sitzen und nach dem Fenster aus dem die Leckerbissen kommen, Ausschau zu halten. Nachdem ich mich jedoch gerade an die vertraute Tradition der abendlichen Fütterung gewöhnt habe, kommt sie nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ihr etwas zugestoßen ist, sie einfach nur verreist oder beschäftigt ist oder irgendwo jemand bessere Häppchen verteilt.

Aber ich bilde mir ein, dass sie mir eine Lektion erteilt. Dass sie eine wilde Katze ist, die sich nicht der gemütlichen aber fremdbestimmten Regelmäßigkeit hingibt, sondern Launen statt Uhrzeiten folgt. Und dass wir vielleicht allesamt Wildkatzen sind, die vergessen haben, neugierig durch die Welt zu streifen und ich mich schämen sollte, in so engen Zeitplänen zu denken.

Waschbärenbekenntnisse 2

Ich bin eigentlich ein echt ordentlicher Typ, mag kerzengerade Linien und rechte Winkel. Ich mag die Ordnung, in der alles an seinem Platz ist und man weiß, wo der ist. Ich räume gerne auf und bringe Struktur in das Chaos, ich mag Schachteln und Schubladen und Staubfanggeräte. Nur diese eine Kleinigkeit, die kann ich nicht ordnen.

Du bist gegangen, einfach so. Hast ein Ende entschieden, das ich hinzunehmen hatte. Du hast die Tür hinter dir zugezogen und bist weg und die Spur deines Gehens ist immer noch da. Deine Hälfte des Bettes, ich kann sie nicht anrühren. Das Kissen hat noch eine Kuhle, wo dein Kopf einmal lag und die Decke liegt so da, als wärst du gerade erst aufgestanden und gegangen. Gegangen in den Rest deines Lebens, in dem ich nur ein Rest bin. So fühl ich mich. Wie ein Rest. Liegen gelassen mangels Appetit.

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Ein schnarchender Schlafbär kurz vor der Ernüchterung.

Vielleicht war das unser Problem, dass ich der Rest bin und du der leckere Löwenanteil. Man spricht bei Paaren ja gern von zwei Hälften, aber so ist es nicht. So ist es bei uns nie gewesen. Ich fühl mich, als wärst du zwei Drittel gewesen, mindestens, wahrscheinlich sogar sieben Achtel. Du warst der Großteil von uns und jetzt bist du weg und ich fühl mich wie das eine Prozent, das du übrig gelassen hast. Von dem man sagt „Iss auf, sonst gibt es morgen schlechtes Wetter!“, aber bei dir ist alles super und ich bin übrig und hab das trübe Regengießen.

Ich wünschte du kämest zurück, nur kurz, um das Bett zu machen. Es strengt mich so an, jeden Morgen aufzuwachen und als erstes zu sehen, dass du gegangen bist und zwar nicht erst gerade eben. In den Rest deines Lebens ohne einen Rest von mir.

Waschbärenbekenntnisse 1

Wohlig warmes Waschwasser wartet darauf, dass in ihm gewaschen wird. Die hohe Luftfeuchtigkeit ruiniert mein ansonsten perfektes Fell. Ich bin ein Waschbär mit Waschzwang und bei mir ist jeden Tag bad fur day.

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Carl trägt Maske, denn erkannt werden will er nicht.

Ich wasche, wasche, mach meinem Namen alle Ehre. Einem Namen, der an sich Blödsinn ist. Eigentlich waschen Waschbären nicht mehr als andere Bären. Oder Tiere überhaupt. Ich wünschte, das könnte ich auch von mir behaupten. Ich wünschte, ich hätte keinen Waschzwang und müsste nicht als kotzniedliches Klischee durch diese dreckige Welt streifen und waschen. Mich und alles um mich herum. Wieder, wieder, immer wieder.

Ich bin Carl und ein Waschbär und wasch so vor mich hin. Ich weiß weder seit wann noch wie lang oder warum. Ich muss waschen, tagtäglich, ob ich will oder nicht. Was anderes mach ich selten, denn ich hab ja nie Zeit. Immer wird geschrubbt, gebürstet und gespült.

Die Seife bestell ich im Internet, manchmal schau ich Desinfektionstutorials auf YouTube. Und schon ist es wieder so weit und ich spüre das Verlangen. Alles zu reinigen, porentief und lebensmittelsauber.

Ich bin Carl, der Waschbär und ich hasse dieses Wort!

Apologie der Fantasie

Wie das eine oder andere Lesebienchen vielleicht bereits mitbekommen hat, neige ich dazu, hin und wieder Dinge zu schreiben. Bunte Worte fädel ich gerne wie Perlen zu Ketten, Sätzen, Seiten.
Was mir dabei als Inspiration dient, kann ganz unterschiedlicher Herkunft sein. Es gibt Erlebtes, Erzähltes, Erdachtes,… Manches hat sich genau so abgespielt, manches ist frei erfunden, von manchem wünsche ich sehnlichst, es gehöre in Kategorie eins, bei manchem wundere ich mich, dass mein Kopf sich sowas ausdenken kann.

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Aber nichts, kein einziger Satz dessen, erhebt Anspruch auf allgemeine Wahrheit. Nichts behauptet, sich exakt oder auch nur annähernd beinah fast so abgespielt zu haben. Besonders in einer Art Fiktion, die ohne Fantastik auskommt und daher eine gewisse Nähe zum Realen und Wahrscheinlichen genießt, suchen Leser ja gerne nach autobiografischem Salat, der für bare Münze genommen und der Autorenvita eingeschrieben werden kann.

Macht das nicht, aus, pfui! Das ist ein grober Fehler und überhaupt ganz und gar blödsinnig. Niemand würde davon ausgehen, dass H.G. Wells tatsächlich eine Zeitmaschine hatte. Niemand unterstellt Harry Potter oder dem Herrn der Ringe Wahrheitsgehalt auf inhaltlicher Ebene. Niemand würde annehmen, dass Tiere wie in Fabeln tatsächlich menscheln oder dass es fliegende Schweine oder Elefanten gibt.

Es handelt sich dabei um Fiktion. Eine Welt wurde fingiert, um bestimmte Handlungen zu beheimaten. Diese Welt ist nicht deckungsgleich mit der Welt vorm Fenster, selbst wenn unsere Welt als Schablone dient.
Das erscheint jetzt als unfassbar triviale Feststellung, dennoch passiert es immer wieder, dass man Dingen, die ich schreibe, autobiografische Deckungsgleicheit unterstellt und mich gar auf vermeintliche Fehler in meiner erschriebenen Welt aufmerksam macht. (Beispiel: „Du meinst damit doch eindeutig diesen einen Familienausflug damals. Das war aber an einem Donnerstag, nicht an einem Mittwoch.“)

Liebe Leser_innen, hört auf damit! Akzeptiert die Fantasie endgültigst als Fantasie und die Literatur als Literatur, in der nicht immer diese Realität enthalten ist, auf die sie doch eh gar keinen Bock hat. Wo wäre ihre Daseinsberechtigung? Wenn alles Biografien und Memoiren wären? Ich jedenfalls würde mich zu Tode langweilen!

Zum Glück bin ich ja zuweilen recht pflegeleicht und habe daher eine neue Kategorie: Fiktion. Tadaa. Alles, was in der Fiktion-Schublade liegt, erhebt keinen Anspruch auf irgendetwas und möchte inhaltlich unkorrigiert und unermahnt stehen bleiben. Konstruktiv darf es hingegen wie alles kritisiert werden. Ein Hoch auf das Fabulieren und die Fantasie!