Hannibals Herz

Als Hannibal die Wohnung betritt, liegt ein mundwässernder Duft nach Rotwein, Zwiebeln und Wildbraten in der schweren, warmen Luft.
Was er wenige Momente später im Esszimmer entdeckt, verschlägt ihm jedoch den Atem. In der Mitte des kerzenbeschienenen Esstisches, zwischen kunstvoll drapierten Bratenscheiben, einer Schale mit Petersilienkartoffeln und Rotweinschalotten, glänzt ein metallener Teller, auf dem ein rohes menschliches Herz liegt.

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Copyright:  Peter Gammon Photography

Hannibals fragender Blick heftet sich an Sarah und fordert eine Erklärung.

„Ich hoffe, dich stört der Anblick nicht“, sagt sie und weist, ein angedeutetes Lächeln auf den Lippen, auf das blutige Herz.
„Hannibal, setz dich. Ich freue mich so sehr, dass du gekommen bist. Ich möchte dir heute ein Geheimnis anvertrauen. Es hat mit unserem Dessert zu tun.“

Hannibal lässt sich nichts anmerken, doch innerlich jauchzt er. Zum ersten Mal seit Jahren könnte er tanzen vor Freude. Er hatte es gewusst, die ganze Zeit! Sarah ist die Richtige für ihn! Mit ihr kann er endlich der sein, der er wirklich ist.

Endlich gibt es einen Menschen auf diesem Planeten, dem er nicht nur gestehen kann, für wie erhaben über alle anderen Geschmäcker er den des Menschenfleisches hält, er kann diese Obsession auch mit jemandem teilen.

Hannibal träumt sich bereits in eine blümerante Zukunft, in der er und Sarah auf einer Picknick-Decke im Park lümmeln, zwischen all den anderen verliebten Paaren, sich gegenseitig mit kleinen Häppchen füttern, und einen kurzen amüsierten Blick austauschen, weil sie die einzigen Beiden sind, die wissen, dass diese unscheinbaren Leckereien einst ein Mensch gewesen waren.

Hannibal will es aus Sarahs Mund hören, endlich. Bedächtig hält sie seine Hand, atmet tief und öffnet die Lippen. Doch die Worte, die sie formen, sind nicht die, die Hannibal sich so sehr gewünscht hatte.
„Es ist mein Hobby, seitdem ich 15 oder 16 war“, gesteht sie. „Und heute? Heute habe ich endlich den ersten Platz bei der Weltmeisterschaft gemacht. Ich bin jetzt ganz offiziell die weltbeste Illusions-Kuchen-Bäckerin! Sieht doch wirklich echt aus, oder?“, lacht sie und hält ihm das Herz entgegen, das einen süßlichen Marzipanduft verströmt.

„Allerdings. Täuschend echt“, sagt Hannibal im wahrsten Sinne ent-täuscht und gleitet zurück in die ihm wohlbekannte Einsamkeit.

 


Dieser Text ist im Rahmen der monatlichen Rubrik WWW – Welt_Weiter Wahnsinn entstanden, in der wir bei der unserer Lesebühne OWUL – Ohne Wenn und Laber die Traumata aufzuarbeiten versuchen, die das Internet uns beschert.

Tatsächlich handelt es sich um einen (britischen) Trend, seltsam echt wirkende Illusionskuchen zu backen. Mehr dazu hier.

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