Von einem, der auszog das Fliegen zu verlernen.

Ein ganz und gar wahres Märchen. Erschienen in der Anthologie Poetische Ornithologie. Vom Flugwesen in der Literatur.

„The kakapo is a bird out of time. If you look one in its large, round, greeny-brown face, it has a look of serenely innocent incomprehension that makes you want to hug it and tell it that everything will be alright, though you know that it probably will not be.“ (Adams 2009: 109)

So beschreibt der britische Science-Fiction-Autor Douglas Adams den Kakapo in seinem Bericht über seine Reise zu aussterbenden Tierarten im Jahre 1985. Das Observer Colour Magazine schickt den Meister des britischen Humors damals gemeinsam mit dem renommierten Biologen und Tierschutzaktivisten Mark Carwardine los, um in der ihm typischen humoristischen Manier nahezu ausgestorbene Tiere literarisch zu konservieren und gleichsam die Leserschaft für das Problem des Artensterbens zu sensibilisieren.

Das Wort Kakapo ist Maori und bedeutet so viel wie Nachtpapagei. Der nachtaktive Papagei, der sich hinter diesem Namen verbirgt, wird im Handbook of Australian, New Zealand & Antarctic Birds als etwa zweieinhalb Kilo schwer und damit der schwerste Papagei der Welt beschrieben. Sein grün-gelbes Gefieder mutet  flauschig an und riecht zahlreichen Berichten zufolge intensiv nach Honig. Der Kakapo ist der einzige bekannte flugunfähige Papagei und so gut wie ausgestorben. Grund dafür ist seine Herkunft. Er lebt nämlich in Neuseeland, wo er tausende Jahre ungestört ist. Das macht ihn im wahrsten Sinne des Wortes eigenartig, er ist nämlich als sogenannter Strigops habroptilus die einzige Art der Unterfamilie der Strigopinae oder Eulenpapageie.

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Er strengte sich mehr an als je in seinem Leben, doch seine lachhaft kleinen Flügel wollten Holger einfach nicht mehr tragen. (Bildquelle: http://kakaporecovery.org.nz )

Die Geschichte unseres Helden, des Kakapo, beginnt vor rund 85 Millionen Jahren, als sich die Landfläche des heutigen Neuseeland vom südlichen Superkontinent Gondwana abspaltet. Tektonischer Druck schiebt sie Zentimeter um Zentimeter in die heutige Position etwa zweitausend Kilometer südöstlich von Australien. Die geografische Isolation hat zur Folge, dass das Archipel flugfähigen Tieren sowie von Wind und Wellen angespülten Pflanzensamen vorbehalten bleibt. So erschließen sich vorrangig Vögel das Land und schaffen eine einzigartige Fauna. Mc Clone zufolge sind die einzigen Säugetiere, die sich auf den Inseln ansiedeln drei Fledermausarten sowie Robben, die an den steinigen Küsten in der Sonne faulenzen.

In diesem einmaligen Vogelparadies findet der Kakapo seine ökologische Nische im nächtlichen Wald. In einem Forst frei von Fressfeinden spaziert er gemütlich durch die Nacht. Das Flanieren ist nicht nur enorm energiesparend, wer nicht in die Luft muss, kann sich auch opulentere Mahlzeiten gönnen. So wird der Kakapo immer schwerer und seine Federn verlieren an Glätte und Härte,  sie werden zu einem flauschig-fluffigen Gefieder.

Generation um Generation tut sich an dem reichhaltigen Nahrungsangebot gütlich  und lustwandelt im Dunkeln und wird so völlig flugunfähig. Diese zunächst unproblematische Gemütlichkeit wird sich jedoch bald als großer Fehler entpuppen, denn das Verhängnis dieses Märchens lauert bereits hinter dem nächsten Baum.

Im 13. Jahrhundert erreichen mit den Maori erstmals Menschen Neuseeland. Nicht nur sie profitieren kulinarisch von der Zutraulichkeit des Kakapos, der Feindschaft und damit Misstrauen aufgrund seiner Isolation nie gelernt hat. Auch Ratten, die die Inseln als blinde Schiffspassagiere erreichen, und die domestizierten Hunde der Maori schätzen die unterirdischen Gelege sowie die von all dem Herumspaziere trainierten Kakaposchenkel.

Weitaus dramatischere Folgen haben jedoch die europäischen Expeditionen, die ab Ende des 18. Jahrhunderts Neuseeland erreichen. Zahlreiche neue Feinde wie Katzen und Frettchen werden eingeschleppt, die Kakapo-Populationen schrumpfen rasant. Der primäre Schutz, der dem Kakapo fehlt, ist seine Flugfähigkeit. Adams sieht darin geradezu ein ergreifendes Moment:

„There is something gripping about the idea that this creature has actually given up doing something that virtually every human being has yearned to do since the very first of us looked upwards.“ (Adams: 120)

Mitte des 20. Jahrhunderts gilt der Kakapo als ausgestorben. Einzelne Exemplare können jedoch ausfindig gemacht und auf eine von Prädatoren befreite Insel gerettet werden. Die gerettete Population fällt jedoch schwimmfähigen Ratten zum Opfer, die ihren Weg auf die Insel finden. Wenig später wird ein neues Rettungsprojekt auf einem Inselchen namens Codfish Island ins Leben gerufen. Dorthin werden seither sämtliche auffindbaren Kakapos transportiert.

Doch auch jenseits der Fressfeinde hat der Kakapo es schwer. Denn die Evolution hat einen Trick in petto, wenn Populationen wie die einstige Kakapo-Kolonie zu umfangreich werden: das Paarungsverhalten wird immer ausgefeilter, um die Fortpflanzungsraten zu senken. Die Partnersuche des Kakapo hat sich so zu einem schier unmöglichen Unterfangen entwickelt.

Das Kakapomännchen schafft sich in der Paarungsvorbereitung zunächst ein System aus Gängen und Vertiefungen, die es akribisch reinigt und von Unkraut befreit. In seiner Lieblingskuhle sodann vollführt es seinen Paarungsruf, das sogenannte booming. Dieses booming, das wie ein Herzschlag klingt, hat einen entscheidenden Nachteil: die Frequenz ist so niedrig, dass der Ton kaum lokalisiert werden kann und das Weibchen nicht weiß, wohin es denn soll. Adams interpretiert diesen vergeblichen Schrei als menschlichen Dialog:

„The female kakapo can’t tell where the booming is coming from either, which is something of a shortcoming in a mating call. ‚Come and get me!‘ ‚Where are you?‘ ‚Come and get me!‘ ‚Where the hell are you?‘ ‚Come and get me!‘ ‚Look, do you want me to come or not?‘ ‚Come and get me!‘ ‚Oh, for heaven’s sake!‘ ‚Come and get me!‘ ‚Go and stuff yourself!‘, is roughly how it would go in human terms.“ (Adams 2009: 111)

Bei all der Flugunfähigkeit und seinen Extravaganzen kommt dem Kakapo jedoch eine Eigenschaft entscheidend zugute: sein niedlicher Anblick.

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Sirocco, der berühmte Wonneproppen beim Foto-Shooting. Gut sichtbar: Die Traurigkeit in seinem Blick. Traurigkeit darüber, dass seine Vorfahren faule Säcke waren und er jetzt nicht fliegen kann. (Bildquelle: http://kakaporecovery.org.nz)

Der flauschig-grüne Symapthieträger erfüllt das Kindchenschema wie kaum ein anderer Vogel. Seine großen arglosen Augen, das fluffige Gefieder und die kindlichen Proportionen des großen Kopfes und kugeligen Leibs rufen in seinem Betrachter den unbedingten Wunsch aus, ihn zu beschützen. Adams sieht einen wesentlichen Grund der Sympathie für den Kakapo in seiner Evolutionshistorie:

„It’s not merely the fact that it’s given up that which we all so intensely desire, it’s also the fact that it has made a terrible mistake which makes it so compelling. This is a bird you can warm to.“ (Adams 2009: 121)

An Stellen wie dieser wird deutlich, dass die Personifizierung, die Adams als zentrales Stilmittel zur Beschreibung des Kakapo verwendet, problematisch sein kann, wenn beispielsweise ein evolutionsbiologischer Prozess als Willkür  beziehungsweise bewusstes Ablegen einer Fähigkeit dargestellt wird. Und obschon die Verquickung aus Reisebericht und literarischer Vermenschlichung unscharf ist, wird dem Kakapo genau dieser emotionalisierte Blickwinkel des Menschen auf das Tier wenig später zugute kommen.

Ende der 1980er, als Adams seinen Reisebericht verfasst, weiß das Kakapo Recovery Center auf Codfish Island lediglich von achtzehn Individuen, nur fünf davon sind Weibchen. Im Mai 2001 stirbt Douglas Adams unerwartet an einem Herzinfarkt. In diesem Jahr ist die Population bereits auf zweiundsechzig Individuen gewachsen, Tendenz steigend.

Im Jahr 2009 reist Mark Carwardine die Route erneut ab, diesmal mit Adams engem Freund und Schauspieler Stephen Fry. Begleitet von einem BBC-Kamerateam bereisen sie die alte Route erneut und ziehen Bilanz, wie sich die Populationen, Erhaltungsprogramme und Lebensumstände der bedrohten Arten in den vergangen 24 Jahren gewandelt haben. Aus dem Videomaterial entsteht eine sechsteilige TV-Serie über die Letzten ihrer Art .

Während des Aufenthalts auf Codfish Island zeigt ein Kakapo sich besonders interessiert an dem Biologen Carwardine und besteigt ihn wortwörtlich, um mit seinem Kopf zu kopulieren. Das ungestüme Exemplar hört auf den Namen Sirocco und avanciert nach Ausstrahlung der Serie schier über Nacht zur internationalen Vogelberühmtheit.

Zwei Jahre später beginnt Sirocco durch Neuseeland zu touren und ist damit dank YouTube und Sozialen Medien der erste Kakapo-Popstar der Geschichte. Kostenaufwendige Transporte und Unterbringungen stehen im Kontrast zu der medienwirksamen Aufmerksamkeit, die der liebenswerte Gelbschnabel generiert.

Der Vogel, dem einst seine Naivität und Zutraulichkeit zum existenzbedrohenden Verhängnis wurde, posiert nun unbedarft dreinschauend vor Kameras und lässt sich ablichten, um Millionen zu verzaubern, die bereitwillig spenden. Einst aufgrund seiner gutgläubigen Unbedarftheit seinen Fressfeinden zum Opfer gefallen, erhebt ihn jetzt die gleiche Eigenschaft zum Publikumsliebling und ermöglicht medienwirksamen Tierschutz.

Und so findet das Märchen vom Vogel, der das Fliegen verlernte, sein versöhnliches Ende und der Kakapo sein Glück im Unglück – der Held unseres Märchens hat sich erfolgreich gegen die böse Hexe Evolution behauptet.

In einer digitalisierten Welt, in der Tierschutzprojekte auf massentaugliche Crowdfunding-Aktionen angewiesen sind, hat der Eulenpapagei seine neue ökologische Nische gefunden. Zwischen Hashtags und Herzchen heimelt er jetzt und wird von seinen Followern vergöttert. Doch bei all dem Ruhm scheint er privat ganz bodenständig, der Kakapo – beinah so, als hätte er von seiner Vermenschlichung gar nichts mitbekommen.

 

Quellen:

Adams, Douglas und Carwardine, Mark (2009): Last Chance To See. With a new introduction by Richard Dawkins. 1. Neuauflage. London. (Random House)

Montgomery, Sy (2010): Kakapo Rescue. Saving the World’s Strangest Parrot. 1. Auflage. New York. (Houghton Mifflin Harcourt)

Mc Clone, M. S.: Becoming New Zealanders: Immigration and the Formation of the Biota. In: Allen, R.B. (2006): Biological Invasions in New Zealand. 1. Auflage. Heidelberg. (Springer Verlag)

Higgins, P. J. (1999). Handbook of Australian, New Zealand & Antarctic Birds. Volume 4 Parrots to Dollarbirds. 1. Auflage. Melbourne. (Oxford University Press)

http://kakaporecovery.org.nz/sirocco/ (Letzter Zugriff: 31.5.2016)

https://www.youtube.com/watch?v=9T1vfsHYiKY&feature=youtu.be (Letzter Zugriff: 31.5.2016)

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