Nur ein Stapel Papier

Eins. Zoppot, 10. Mai 1920
Dietrich Harmann verlässt den Waggon, nimmt die schweren Lederkoffer und hebt schließlich Margot aus dem Zug. Die Augen der vorfreudigen Tochter leuchten feurig. Zum ersten Mal riecht sie den verheißungsvoll salzigen Duft der Meeresbrise. Über ihr schreien aufgeregte Möwen.

Wenige Stunden später sind Margot und das Mädchen aus der Etage über der Ferienwohnung der Harmanns zu schier unzertrennlichen Freundinnen verschmolzen, die sich schon immer zu kennen scheinen.

Unter einem grauen wolkenverhangenen Himmel spaziert Dietrich allein den Strand entlang, während Margot sich in die intakte Familie der neuen Freundin einkuschelt. Verlassene Strandkörbe säumen das sandige Ufer, das beinah schwarze Wasser wiegt sich monoton rauschend hin und her.

Als Dietrich auf der menschenleeren Seebrücke sitzt und auf das Meer schaut, verfärbt sich sein Alleinsein zu Einsamkeit. Er denkt an das leere Haus, das in der Heimat auf ihn und Margot wartet. An die Wände, zwischen denen sich Erinnerungen stauen, an die viel zu vertrauten Düfte, an die Kleider, die nun als Mottenfutter im Schrank hängen und an die nach Lavendel duftende Hälfte des Bettes, die von nun an kalt bleiben wird.

Als es zu regnen beginnt, kauft Dietrich am Fuße der Seebrücke eine Postkarte samt Marke. Im Kamin der Ferienwohnung zündet er ein Lagerfeuer an und hört über sich die aufgeregten Kinder flitzen und lachen, während er seiner Schwester schreibt.

„Liebe Wally!
Wir sind gut, sogar sehr gut hier angekommen. Margot ists schon wie zu Hause. Oben bei den Leuten ist ein 6-jähriges Mädchen und die Freundschaft ist vom ersten Augenblicke an geschlossen. Das Wetter lässt zu wünschen übrig. Viele Grüße auch an die Eltern von uns Allen.“

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Mit zittriger Hand unterstreicht Dietrich das „sehr gut“, seine Schwester soll sich schließlich nicht um ihn sorgen. Sein Blick fixiert die drei Worte „von uns Allen“. Wir alle? Diese lästigen Gewohnheiten, denkt er und lehnt sich im Sessel zurück. Das Holz knistert aufgeregt und das Feuer züngelt lüstern an den Backsteinen, als Dietrich einschläft.

Zwei. Öls, 14. Juni 1945
„Komm schon, Tante Wally!“, schreit die kleine Lara ins Treppenhaus. In ihrer Stimme liegt ein unerklärlicher Hauch Freude. Die Kutsche ist vorbereitet, die Taschen und Koffer aufgeladen.

Als Wally ein letztes Mal den Blick aus ihrem Schlafzimmerfenster genießt und in ihr Gedächtnis einzubrennen versucht, hört sie die aufgeregten Schritte ihrer Nichte Lara, die schnaubend die Treppe hinauf hastet und zur Schlafzimmertür hineinfällt.

„Wo bleibst du denn?“, will das Mädchen wissen, das kaum begreift, warum es diesen Abschied gibt. Warum es ein Abschied für immer ist.
„Ich komme gleich, mein Schatz!“, sagt Wally und schickt die Kleine mit einem leichten Schubs zurück nach unten.
Aus ihrer Nachttischschublade nimmt Wally einen Stapel Briefe und Postkarten. Sie mag ihr gesamtes Leben zurücklassen müssen, aber ihre Erinnerungen nimmt sie mit sich.

Am Himmel brennt die Sommersonne und die letzten Deutschen verlassen als taumelnder Tross, der klappernden Kutsche folgend, das Dorf.
Das Dorf, das ihre Heimat war und ihr ganzes Leben lang Öls hieß. Das Dorf, das nun ein polnisches Dorf ist und Olesnica heißt und in dem man sie vor die Wahl stellt. Sie können Polen werden oder gehen. Eine andere Wahl gibt es nicht.

Als sie westlich von Breslau das zweite oder dritte oder vierte Nachtlager aufschlagen, ist Wally völlig entkräftet. Dass sie den langen Marsch bis Deutschland überleben wird, bezweifelt sie. Nicht weil sie schon jetzt kraftlos ist, sondern weil ihre Heimat nicht mehr existiert. Den Stapel aus Briefen und Postkarten umarmt sie fest, als sie in dem ausgekühlten Laubwald unter tausenden von Sternen am klaren Nachthimmel einschläft.

Drei. Ein Kaff bei Stuttgart, Mitte der Achtziger
Pflegerin Annegret schlurft in ihrem weißen Kazak und den Birkenstocklatschen den Gang entlang. Das kleine goldene Kreuz an ihrer Halskette baumelt fröhlich von links nach rechts. Als sie die Zimmertür aufreißt und den vergilbten Lichtschalter umlegt, weiß sie Bescheid. Nach all den Jahren ist das Pulsfühlen kaum mehr als eine reine Formalität.

Wally Dermaschke, friedlich entschlafen, sieht unter der bauschigen Daunendecke winzig klein aus. Als Schwester Annegret die Decke zurückschlägt, um der Vorschrift wegen den Puls zu suchen, entdeckt sie einen Stapel Papier in Frau Dermaschkes Arm. Fest umschlossen liegt es da, das Paket aus Briefen und Postkarten. Obenauf eine Karte, die die Seebrücke in Zoppot zeigt.

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Als Annegret die Akte von Wally Dermaschke aufschlägt, sieht sie den Vermerk „o.A.“, ohne Angehörige.

Wenige Wochen später macht sich das papierne Paket gemeinsam mit allerlei anderen Erinnerungsstücken, die für die Angestellten des Altersheims bedeutungslos sind, auf den Weg ins Diakonielager, als Spende für den Kirchenflohmarkt. Zivildienstler Jakob schafft die Kartons mit dem alten Plunder in den Wagen. Als der Transporter um eine scharfe Kurve das winterstarre Dorf verlässt, rutscht Wallys Papierpacken zwischen alte Fotoalben, handgeschriebene und nie vollendete Memoiren und einen ausgefransten Gedichtband, den niemand vermissen wird.

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