Das Märchen von Kasimir dem Pantomimen

Neulich flatterte ein Erinnerungsschreiben des Finanzamts in meinen Kasten. Ich solle doch bitte noch meine Steuererklärung nachreichen, so die Aufforderung. Anstatt die Erklärung zu machen, schrieb ich diesen Text.

Zufrieden besah Kasimir sein weiß getünchtes Gesicht, die schwarzen Augenbrauen und die blutroten Lippen.
Er legte die schwarzen Hosenträger über seine schmalen Schultern, rundete das Bild mit einer schief auf den Kopf gesetzten Baskenmütze ab und verließ fröhlich pfeifend die Wohnung.

Als er eine Stunde später auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz seine erste Darbietung beendete, stöhnte er ob der frustrierenden Ausbeute enttäuscht auf. Ein Kaugummipapier, ein Knopf und eine Kopeke – mehr befand sich nicht in seinem Becher.

„Ey, du! Hau ab, das ist mein Revier“, zischte ihm plötzlich ein wütender Pantomimenkollege entgegen, der aus dem Nichts aufgetaucht war.
„Quatsch! Ich bin immer hier, jeden Tag!“, blaffte Kasimir zurück und dachte gar nicht daran, das Feld zu räumen.

„Naja, sonderlich begeistert ist man hier ja scheinbar nicht von dir“, konterte der Fremde und verfiel beim Blick auf den Müll in Kasimirs Becher in schallendes Gelächter.
Kasimir tat so, als würde er sich dramatisch eine Träne von der Wange wischen, drehte sich um und setzte seine Show unbeirrt fort.
Der Fremde, mehr als erbost, forderte ihn erneut lautstark auf, den Marktplatz umgehend zu verlassen. Kasimir verletze schließlich den unter Pantomimen herrschenden Revierkodex.

Kasimir unterdessen hielt sich die Hand ans Ohr, als könne er den wütenden Fremdling nicht verstehen.
„Du wirst schon noch sehen, was du davon hast!“, warf der Fremde ihm drohend entgegen und stapfte davon.

Den Rest des Tages tat Kasimir, was Pantomime nunmal so tun. In ikonischen Bewegungen erzählte er Geschichten, tat so als würde der Wind ihn davon treiben oder ein riesiges Tier am anderen Ende einer imaginären Leine ziehen. Die klassische Nummer jedoch hob er sich bis zum Schluss auf. Erst als es bereits dämmerte und der Feierabend nahte, setzte er zu der finalen Nummer an.

Als Kasimir begann, den imaginären Raum um sich herum abzutasten, als wäre er in einer für den Zuschauer unsichtbaren Kiste gefangen, spürte er unter seinen handschuhbezogenen Händen tatsächlich einen Widerstand. Die Wände waren echt.
Was für die letzten Fußgänger, die den Marktplatz überquerten, wie eine gekonnte Bewegungsfolge aussah, wurde für Kasimir zu bitterem Ernst. Panisch griff er neben sich, über sich, ließ seine Hände an den unsichtbaren Wänden entlang gleiten und versuchte verzweifelt, eine Öffnung zu finden, die ihm das Entkommen aus diesem unsichtbaren Gefängnis ermöglichen könnte.

Um Kasimir herum bildete sich rasch eine begeisterte Menschentraube. Fasziniert beobachteten die Zuschauer, wie Kasimir einen Ausweg aus der nicht vorhandenen Kiste suchte, mit flehendem Blick gegen die nicht vorhandenen Wände schlug und den roten Mund zu einem stummen Hilferuf aufriss.

Selten hatte dieser Marktplatz einen solch ambitionierten Pantomimen gesehen. Die Abendbrise trug den tosenden Applaus in die Seitengassen, lockte weitere Schaulustige an und abertausende Münzen fielen klimpernd neben dem Becher, der längst übergequollen war, auf das Pflaster.

Erst als Kasimir resigniert zu Boden fiel und bitterlich zu weinen begann, löste sich die Zuschauertraube irritiert auf. Schon bald saß Kasimir mutterseelenallein auf dem laternenbeschienenen Platz, über den bedrohlicher Nebel kroch wie ein lauerndes Ungeheuer.

Als die Kirchturmuhr zur Mitternacht schlug, Kasimir hatte bereits jede Hoffnung aufgegeben, das unsichtbare Gefängnis jemals wieder zu verlassen, sah er eine dunkle Gestalt aus dem Nebel steigen. Geisterhaft kam der dunkle Mantel auf ihn zu. Erst als er unweit von Kasimir stehen blieb, erkannte dieser das Gesicht des Fremden, der ihm heute früh gedroht hatte.

„Na du Großkotz? Hast du dich mit dem Falschen angelegt?“, fragte der Fremde höhnisch grinsend.

„Lass mich hier raus! Komm schon! Ich komm dir auch garantiert nicht mehr in die Quere!“, bettelte der entkräftete Kasimir.

Der Fremde ließ Kasimir in seinem unsichtbaren Kasten zappeln, bückte sich und las in aller Ruhe die Münzen auf, die die Zuschauer neben Kasimirs Becher geworfen hatten.

„Die stehen dann wohl mir zu. Mein Revier – meine Münzen!“, stellte er richtig und ließ das klimpernde Hartgeld in seine Manteltasche rutschen.

„Und der hier“ – der Fremde winkte mit etwas Unsichtbarem zwischen Zeige- und Mittelfinger – „steht dir zu!“ Der Fremde legte Hand an das unsichtbare Gefängnis, seine Bewegung verriet, dass er ein Fenster zu öffnen schien und warf den unsichtbaren Gegenstand in Kasimirs Richtung. Kasimir hörte etwas Metallisches klimpern, sah zu Boden und suchte das Pflaster und seine Fugen ab, bis er schließlich einen unsichtbaren Schlüssel fand.
Der Fremde war bereits in den Nebelschwaden verschwunden.

Zentimeter für Zentimeter ließ Kasimir seine Hände über die unsichtbaren Wände gleiten, bis er ein Schlüsselloch fand, den Schlüssel hineingleiten ließ und einen Moment später seine Zelle verließ. Ohne sich umzudrehen oder zu verschnaufen rannte er nach Hause und kam erst zur Ruhe, als er seine Wohnungstür verschlossen und die Kette vorgelegt hatte.

Nachdem er jede dunkle Ecke seiner Wohnung auf Eindringlinge hin abgesucht hatte, verabreichte er sich nervenberuhigende Mittel, die er zitternd an die Lippen führte und hastig hinunterwürgte und wartete unter dem heißen Strahl der dampfenden Dusche auf das Einsetzen der Wirkung.

Anschließend ließ Kasimir sich, mit nebligem Geist und eingehüllt in einen flauschigen Frotteemantel, mit der Zeitung auf das Sofa fallen und zündete sich eine Zigarette an. Der dichte Rauch, den er auf die Jobangebote blies erinnerte ihn an den dichten Nebel, in dem der ominöse Fremde verschwunden war, und ließ ihn noch ambitionierter nach einer passenden Stelle suchen, bis er in einen tiefen Schlaf fiel.

In dieser Nacht träumte er von Münzen, die vom Himmel regneten. Der Reichtum lag direkt vor seiner Nase, doch immer wenn er eine Münze fangen wollte, griffen seine Hände ins Leere.

 

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2 Kommentare zu „Das Märchen von Kasimir dem Pantomimen“

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