Der Freundschaftsdienst

Dieser Text ist im Rahmen meines Projekts post.skrip.tum entstanden. Für diese Textserie wühle ich mich durch alte Postkarten auf Flohmärkten, wähle mir anhand rein subjektiver Kriterien eine Karte aus und bette sie in eine frei erfundene Geschichte ein. post.skrip.tum – dahinter geschrieben, so die wörtliche Übersetzung. Dahinter im zeitlichen Sinne.


 

Eins: Achter Juli 1909 – Ein Zimmer im Kurhaus zum Stern

Ein Glas Whiskey. Ein Wasserglas, wohlbemerkt, bis oben gefüllt. Ein Glas Whiskey und zwei Tabletten Heroin, gegen die Schmerzen. Förster geht es gut. So gut, wie schon lang nicht mehr.
Kaum mehr als eine blasse Erinnerung sind die Schmerzen der letzten Wochen. Gut versteckt liegen sie in ihrem wattigen Versteck, tief begraben unter der täglichen Dosis.

„Arthrose, eindeutig Arthrose“, hatte Meyer, Försters Jugendfreund und Leibarzt diagnostiziert.IMG_5058 Heroin gegen die Schmerzen und eine Kur im Moorbad für das allgemeine Wohlbefinden, hatte Meyer verordnet.

Um Linderung bemüht, war Förster der Verordnung gefolgt, hatte Wäsche und Tabletten für eine Woche gepackt und sich zur Kur ins Meinbergische Schwefelmoor-Bad begeben.

Als er an dem Schreibtisch in seinem kleinen Zimmer saß und der Wind den Regen gegen das Fenster trieb, schrieb Förster seinem Freund Meyer.

Lieber Meyer!
Bin hier Sonntag Abend wohlbehalten angelangt, im Schlamm-Moorbad, und habe bei dem herrlichsten Regenwetter Gelegenheit, über die Schönheit des irdischen Daseins nachzudenken.

 

Zwei: Neunter Juli 1909 – Eine Postkarte auf einem Schreibtisch

„Arthrose, eindeutig Arthrose“, hatte Meyer diagnostiziert und sich in dem Moment, in dem er seinen ältesten und besten Freund belog, nicht einmal geschämt.
Es war Lymphkrebs, der bereits gestreut hatte und mittlerweile Försters Knochen regelrecht zerfraß, der jede seiner Bewegungen schmerzen ließ. Wochen, mit etwas Glück Monate würden Förster bleiben. Wochen, die er nun schmerz- und sorgenfrei verbringen würde.

Mehrere Male war Meyer schweißgebadet aufgewacht, hatte sich selbst verteufelt und sich für die feige Lüge geschämt. Hatte überlegt, ob er Förster die Wahrheit sagen sollte.

IMG_5060

Doch jetzt, als Försters Grußkarte aus Bad Meinberg auf Meyers Schreibtisch lag und dieser von der Schönheit des irdischen Daseins las, fühlte Meyer sich erneut darin bestärkt, Förster mit diesem Freundschaftsdienst zu schützen.

 

Drei: Zehnter Juli 1909 – Tee auf einem Tablett

Einen Moment hielt Meyer inne. Der Ring des Türklopfers lastete schwer in seiner Hand. Wenige Momente später drang das dumpfe Klopfen durch das Haus und Margret, Försters Frau, erschien an der Tür.

Verdutzt begrüßte sie Meyer, der sie noch nie in Försters Abwesenheit besucht hatte, und bat ihn herein.

Während Meyer auf der Chaiselongue, deren Sprungfedern ihm in das Gesäß stachen, wartete, betrachtete er die schwarzweißen Fotografien, die die Wohnzimmerwand zierten.
Förster und Margret, mit und ohne Kinder, Enkel und das erste Ur-Enkelchen, posierten in Reih und Glied.
Auf einem der aktuelleren Bilder stand Förster, nicht nur der Älteste, sondern auch der Größte der Familie, in hinterster Reihe und sah mit einem mild-verträumten Blick hinab auf seine Familie. Er sah glücklich aus.

Meyer stellte sich vor, wie die nächsten Aufnahmen aussehen würden, wenn Förster nicht mehr in der hintersten Reihe schmunzelnd über seine Familie wachen würde.

Klimpernd trat Margret mit einem Tablett ins Wohnzimmer.
„Entschuldige, dass ich dich so überrumple“, sagte Meyer, „aber ich muss mit dir reden.“

Margret nickte stumm, als hätte sie eine Ahnung, stellte eine der Teetassen auf einer Untertasse vor Meyer ab und goss goldenen, dampfenden Tee in die Tasse. Einen Löffel und ein Schälchen mit Kandis-Zucker drapierte sie neben der Tasse.

„Du willst, dass ich dir eine Beichte abnehme. Darum bist du hergekommen, oder?“
Meyer rührte stumm in seinem Tee, in dem sich der bernsteinfarbene Kandiskristall gemächlich auflöste.

„Wird er Schmerzen haben?“, fragte Margret.
Meyer sah zu Boden, verfolgte das Teppichmuster und erwiderte schließlich Margrets Blick.
„Nicht eine Sekunde“, erwiderte er.

„Du verlangst viel von mir“, sagte Margret. „Vielleicht ist es zu viel.“

 

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