Maronenmann und Glühweingirl

Der 27. Dezember mag für die meisten Menschen ein ganz normaler Nachweihnachtstag gewesen sein. Wahrscheinlich waren die meisten Leute vom Weihnachtsfest noch kugelrund gefuttert, vom Glühwein verkatert oder aber auch von der geballten Ladung Familie genervt. Vielleicht sehnten sie das neue Jahr, eine wärmere Jahreszeit oder die große Silvesterparty herbei.
Für Emma war der 27. Dezember jedenfalls kein gewöhnlicher Tag zwischen den Feiertagen. Früh morgens hatte sie das festlich dekorierte Haus ihrer Eltern verlassen und war durch den unter ihren dicken Stiefeln knarzenden Pulverschnee zum Bahnhof gestapft. Zum ersten Mal, seitdem sie und Kai nach Berlin gezogen waren, fuhr sie alleine zurück in die Hauptstadt. Während Kai seinen Eltern im Haus zur Hand ging, Dinge reparierte und ausreichend Brennholz bis zu seinem nächsten Besuch in ihrem Flur stapelte, genoss Emma den nach Kardamom und Zimtsternen duftenden Weihnachtsmarkt. Und so wurde der 27. Dezember 2010 der Tag, an dem Emma ihren ersten festen Freund kennenlernte.

Dass sie schon wenig später ein Paar werden würden, ahnte an diesem Tag jedoch keiner der beiden, als Emma auf dem Weihnachtsmarkt eine Tüte heiße Maronen kaufte und ihre Augen kaum von dem Verkäufer lassen konnte. Er war etwa in ihrem Alter, blonde Flusen schauten neugierig unter seiner schwarzen Strickmütze hervor und seine dunkelblauen Augen erinnerten sie an einen wolkenlosen Nachthimmel im Sommer.
Während sie sich am Glühweinstand an einer heißen Tasse Wein mit Schuss festhielt, schielte sie zu ihm hinüber. Sie malte sich aus, wie sie mutig zu ihm gehen und ihn nach seiner Nummer fragen würde. Der eisige Wind würde ihr wie bei einem Fotoshooting durch die Haare streifen, ihre Blicke würden sich treffen und seine Hand würde ihren Zeigefinger sanft und beinah zufällig streifen, wenn er ihr ein Zettelchen mit seiner Nummer gäbe.
Mehr als ihn anzulächeln und noch zweimal an seinem Stand vorbei zu schlendern und ihm stumm mit ihrer Glühweintasse zu zu prosten, traute sie sich dann allerdings doch nicht. Der hübsche Maronenverkäufer mit der Gesichtsphysiognomie eines Strahlweiß-Zahnpasta-Models stand in der hölzernen Verkaufsbude und schaufelte fröhlich Maronen in Papiertüten, während um ihn herum dicke Schneeflocken fielen. Emma beobachtete die Szenerie noch kurz, schämte und ärgerte sich gleichermaßen über ihre Tatenlosigkeit und schlenderte schließlich träge und angetrunken mit einer vom Glühwein pelzigen Zunge nach Hause. Noch lange lag sie an diesem Abend wach, starrte an die Decke ihres Schlafzimmers, an der die gleiche Sorte Leuchtsterne klebte, die sie bereits seit der Grundschulzeit in ihrem Kinderzimmer bewundert hatte, und fragte sich, wo bloß diese hollywoodhaften Romanzenfantasien herkamen.

Am Silvesterabend stand Emma lange am Hauptbahnhof und wartete auf die Einfahrt eines verspäteten Zuges. Mit eineinhalb Stunden Verspätung wälzte sich der ICE dann schließlich in den Bahnhof und aus ihm quollen Unmengen genervter Fahrgäste, die sich sogleich als Traube zum Brandenburger Tor begaben, um das berüchtigte Silvesterfeuerwerk zu bestaunen. Emma hingegen schnappte sich Kai und nahm ihn mit zu einer Freundin, die zu einer Silvesterparty geladen hatte. Ein eisiger Wind wehte und der Schnee knisterte unter den dicken Sohlen von Winterstiefeln. Am Himmel tanzten bereits die ersten bunten Explosionen, da es wie jedes Jahr Silvester zu wenig Geduld für all die Feuerwerksenthusiasten dieser Stadt gab.
Mit von der Kälte roten Nasen und Ohren traten Emma und Kai zur Wohnungstür herein und befanden sich sogleich in einer Traube feiernder Menschen. Sie versorgten sich mit kaltem Bier vom Balkon und mischten sich unter die teils bekannten Gesichter. Wie auf jeder WG-Party lag auch hier das Epizentrum des Geschehens in der Küche. Obwohl die Wohnung geräumig war und es sogar ein riesiges Wohnzimmer mit Sofalandschaft gab, drängten sich die Leute in der Küche.

Von der Beengtheit abgestoßen, ließ Emma Kai in der Küche zurück. „Ich geh’ mich mal umschauen“, flüsterte sie ihm zu. Dass sie sich nicht im geringsten für die Wohnung interessierte, sondern nur kurz etwas Platz haben wollte, musste sie ihm nicht erklären.
Zum Glück fand Emma schon sehr bald etwas – oder besser jemanden, der ihre Neugier weckte. Mit einem Buch aus dem Bücherregal in der Hand saß niemand geringeres auf dem Sofa als der hübsche namenlose Maronenverkäufer.

Emma beschloss, den selben Fehler nicht zweimal zu machen, und ihn einfach anzusprechen. ‚Was soll schon passieren?‘, dachte sie, als sie sich zu ihm setze.
„Hey, Maronenmann“, sagte sie flapsig und bereute es sogleich.
„Na sowas! Glühweingirl“, konterte er.
„Hast wohl keine Lust auf die Küchenparty? Oder warum sitzen du und Nabokov hier so allein?“
„Ach, meine Cousine hat mich her geschleppt. Hätte ich gewusst, dass es hier nur Studenten gibt, wäre ich zu Hause bei meinen Maronen geblieben.“
Emma verfluchte sich und den Studentenausweis in ihr Jackentasche. Sie wünschte sich, sie hätte statt des Studiums eine Ausbildung als Maronen- – ja, was eigentlich? Bäckerin? Bräterin? Verkäuferin? – absolviert. Dann hätte sie jetzt Gesprächsstoff mit dem Typen, der in den letzten Nächten mehrere Gastauftritte in ihrem Kopf gehabt hatte.
„Kannst du zeichnen?“, hörte Emma sich fragen.
„Geht. Warum fragst du?“
„Wir könnten einen Comic zeichnen. Maronenmann und Glühweingirl.“
„Und was sind unsere Superkräfte? Trotz Ausbeuterlohn freundlich sein und angesoffen durch den Schnee staksen?“

Emma vermisste Kai. Der hätte an diesem Punkt des Gesprächs längst sein Notizbüchlein gezückt und angefangen, Figurendesigns zu entwerfen.
„Naja, ich werd dann mal wieder zu den anderen gehen“, erklärte Emma resigniert und machte sich auf den Weg in die Küche, wo sie auch schon der Endjahrescountdown empfing. Bei der Null angekommen, drückten sich alle, stießen miteinander an und bewegten sich bereits wenig später geschlossen auf den Balkon. Rauchschwaden zogen durch die Straßen, der Duft von Schwarzpulver lag in der Luft und am tiefschwarzen Himmel ergossen sich abertausenden schillernde Farben, die alsbald verglühten und durch andere explodierende Farben ersetzt wurden. Ein neues Jahr, so frisch es nur sein kann, lag vor Emma und Kai. Ein Jahr, das ganz und gar anders wurde, als sie es erwarteten.

Als sie in ihre dicken Jacken gehüllt im Grau der aufgehenden Sonne nach Hause stapftet, erzählte Emma Kai vom Maronenmann, dessen Namen sie noch immer nicht kannte. Schwere weiße Kondenswölkchen bildeten sich vor ihrem Gesicht, als sie traurig schnaubend davon erzählte, wie sie sich vielleicht ein bisschen in ihn verguckt hatte, nur um später in dem euphorischen Glück des unerwarteten Wiedersehens davon enttäuscht zu werden, dass er ein totaler Idiot sei.
Kommentarlos hörte Kai die Geschichte vom Maronenmann und fragte sich, warum ihm der Gedanke früher noch nie gekommen war. Dass Emma, oder vielleicht ja auch er selbst, irgendwann eine Beziehung mit jemandem führen würden. Er malte sich aus, was so eine Beziehung alles implizieren würde. Sie würden beide mit ihren Partnern zusammenziehen, Familien gründen und neben dem Job nur selten Zeit für einander haben. Während Emma von dem hübschen Idioten schwärmte, erbrach Kai sich in den glitzernden Neujahresschnee.

Der Schnee war bereits geschmolzen und als trübe Suppe in die Kanalisation gekrochen und unter dem graubraunen Schnee-Dreck-Gemisch lauerten zart grüne Grashalme und Schneeglöckchen. Als Emmaa nach Hause kam und einer ihrer unzählbaren Gewohnheiten folgend den lächerlich kleinen Schlüssel in das glänzende Schloss des Briefkastens sinken ließ, erwartete sie nichts außer Rechnungen oder Werbung zu finden. Umso aufgeregter war sie, als sie in dem weiß lackierten Kasten einen großen Umschlag fand, der an sie adressiert war. Darauf stand nur ihr Vorname, in der rechten oberen Ecke vermisste sie Briefmarken und einen Poststempel. Unter ihr ächzten die hölzernen Treppenstufen, als sie den kleinen Schlüssel an der Lasche ansetzte und den Umschlag unsanft öffnete. Auf der Fußmatte vor ihrer Wohnungstür blieb sie stehen, mit einem breiten Grinsen auf ihrem Gesicht. Ihr Herz pochte wild und sie wäre am liebsten in die Luft gesprungen vor Freude, als sie auf das schmale Heftchen schaute, das sie soeben aus dem mysteriösen Umschlag gezogen hatte. ‚Maronenmann und Glühweingirl‘ stand darauf in Jugenstil-Typografie. Unter der Überschrift standen sich zwei Strichmännchen gegenüber, zwischen ihnen eine Tüte mit kleinen dunklen Kügelchen darin, die wohl Maronen sein sollten.
Mit zitternder Hand schloss sie die Wohnungstür auf, verstreute ihre Habseligkeiten achtlos im Flur und konnte es, als sie sich energisch auf ihr Bett warf, kaum erwarten, den Comic zu lesen.

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