Mariachi

„Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund eines Polizei-Einsatzes verzögert sich unsere Weiterfahrt um wenige Minuten“. Das ist so ziemlich die letzte Ansage, die man hören will, wenn man im Hochsommer zur Mittagszeit in einer gefüllten S-Bahn sitzt und eigentlich gleich zur ersten Schicht auf der neuen Arbeit eintrudeln soll. Jeder, der einmal in Berlin aufgrund eines angeblichen Polizei-Einsatzes seiner Zeit und Freiheit beraubt wurde weiß, dass die „wenigen Minuten“ meist wenige Hunderte sind.

Die Temperatur im Waggon liegt bei schätzungsweise 45 Grad, die geöffneten Fensterschlitze ändern an diesem Zustand rein gar nichts. Jenseits der Fenster des Wagens, in dem ich angestrengt auf die angekündigte Weiterfahrt warte, flimmert der graue Asphalt der Stadtautobahn. Scheinbar bin ich die einzige, die hier keinen Empfang hat, denn nahezu sämtliche Gesichter sind in winzige Smartphone-Screens versunken. Eine alte Dame zupft das lockige Fell ihres Terriers zurecht und ein Anzugträger schmökert in der Wirtschaftswoche.

Zur Maximierung des Musikgenusses aller postiert sich die Mariachi-Band, die bereits seit zwei Stationen an Board ist, in der Mitte des Wagens. Überschwänglicher Frohsinn in musikalischer Form schwappt zu mir herüber. Die sieben Männer unter den kunstvoll verzierten Sombreros geben sich alle Mühe, die Wartezeit bestmöglich zu überbrücken und ernten nur vereinzelte missmutige Blicke.

Die Windstille und die hohen Temperaturen machen unseren Wagen innerhalb weniger Minuten zu einer Sauna. Im Gegensatz zu einer gemütlichen Sauna riecht es hier jedoch nicht nach Tannenwald- oder Zitrusaufguss, sondern nach einer Mischung aus Douglas, nassem Hund und Käsefuß. Der Frau mir gegenüber laufen hautfarbene Schweißperlen das Gesicht hinab und der makeup-geschwängerte Schweiß verformt ihre aufgeschminkten Augenbrauen zu einer gezackten Linie.

Ich schenke mein letztes bisschen Aufmerksamkeit dem Mariachi mit der Trompete, der zu einem aufgeregten Solo anstimmt, während ein anderer Mann mit Sombrero durch den Wagen zieht und seinen Coffee-to-go-Pappbecher vor schwitzenden Gesichtern schwenkt und Kleingeld für die musikalische Darbietung der letzten halben Stunde erwartet. Widerwillig werfen ein paar Leute Kleingeld in den Becher, bis der Mariachi zu seiner Band zurückkehrt und das Trompetersolo versiegt.

Die alte Dame mit dem Terrier auf dem Schoß atmet erleichtert auf und freut sich über die Stille, die wenige Augenblicke über dem mittlerweile siedend heißen Waggon liegt.
„Sehr geehrte Fahrgäste! Die Weiterfahrt kann derzeit nicht erfolgen. Genauere Angaben sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Wir danken für Ihr Verständnis!“, scheppert es aus dem Lautsprecher.

„Eine Farce ist das! Also ich hab da kein Verständnis, wofür man mir danken könnte“, nörgelt der Mann mit Aktenkoffer.
„Bestimmt irgendwas mit Ausländern!“, keift die Alte mit dem Terrier. Der 15-jährige Jogginghosenrotzbengel neben mir springt auf, hält den Zeigefinger auf die Alte und schreit „Bäh! Ne Nazi-Bitch!“

Als ich gerade erwäge, letzte Kräfte zu mobilisieren und deeskalierend einzuschreiten, setzt die Mariachi-Band zu einem neuen Set fröhlicher Melodien an, die lauter als alles Geschrei im Wagen sind. Wir sitzen mittlerweile eine knappe Dreiviertelstunde fest. Ich habe so ziemlich alles ausgeschwitzt, was an Wasser in mir war und auch die anderen Fahrgäste sehen mittlerweile aus wie Rosinen.

Wir befinden uns in einer astreinen Krisensituation. Ich stelle mir vor, dass wir mehrere Wochen hier fest sitzen und schließlich befreit werden. Wir alle stinken bestialisch, haben zerzaustes Schmuddelhaar und die Männer mittlerweile Rauschebärte. Während man uns in diese silbernen Notknisterdecken eingerollt einzeln aus dem Waggon begleitet und uns Wasser einflößt, fragt einer der Sanitäter, warum da mehrere abgenagte Gerippe in der Ecke liegen. Wir alle bleiben stumm und weigern uns vehement, einander in die Augen zu schauen. Die BVG wird jahrelang Therapiesitzungen bei Psychotherapeuten für uns zahlen müssen und arbeitsfähig werde ich nie wieder sein. Apropos Arbeit. Würde die Bahn jetzt weiterfahren, wäre ich bereits eine halbe Stunde zu spät. Ich gehe lieber gar nicht erst hin und suche mir morgen einen anderen Job.

Ich schaue mich um und versuche herauszufinden, wen wir wohl als erstes essen werden. An dem Hund ist erstaunlich wenig dran, allerdings scheint er einem Hitzekollaps nah. Auch die Fahrgäste sehen reichlich mitgenommen aus. Ein paar Menschen stehen auf Sitzen und atmen Luft von draußen. Andere versuchen Zeitungsseiten als Sonnenschutz an die schweißbeschlagenen Scheiben zu kleben. Der Anzugträger fächert sich verzweifelt Luft mit seiner Wirtschaftswoche zu und schaut wütend zur noch immer endlos gut gelaunten Mariachi-Band.
„Herrgott, es reicht mir!“, brüllt er plötzlich. „Wie viel muss ich in ihren blöden Becher werfen, damit sie endlich aufhören?“

„Und wenn schon Musik, dann vielleicht mal was Deutsches“, wirft die Alte mit dem Terrier hinterher. Was tut sie bloß? Ausgerechnet jetzt den Zorn aller auf sich zu ziehen. Wenn wir sie zuerst essen, dann ist sie aber selbst schuld.

„Ehrlich! Was muss ich Ihnen zahlen, damit sie endlich ruhig sind?!?“, fragt der Wirtschaftswochenmann erneut. Die Mariachi-Musik versiegt und wird durch flüsterndes Geplapper unter den Sombreros ersetzt. Nach einer hitzigen Debatte dreht sich einer der Mariachi zum Wirtschaftswochenmann und sagt „1000. 1000 Euro wollen wir.“

Nachdem der Anzugträger der Band erklärt, wie abgrundtief lächerlich er die Höhe ihrer Forderung findet, spielen die Mariachi unbeirrt weiter und beschallen das Wageninnere mit den allerfröhlichsten mexikanischen Klängen. Tausend Euro geteilt durch sieben Personen sind knapp 140 Euro, bei drei Stunden Bespaßung ist das ein Stundenlohn von unter 50 Euro und eigentlich recht wenig für Musiker, denk ich mir. Und selbst wenn der Anzugträger nicht den Großteil gezahlt hätte, dann wären tausend Euro umgelegt auf 25 Fahrgäster gerade einmal 40 Euro pro Kopf, also der Preis einer normalen Konzertkarte.

Wenig später zückt der Wirtschaftswochenmann ein paar Hunderter aus seiner Gedbörse und stopft sie in den Becher. Der Trompeter bückt sich kurz, zählt nach und spielt dann weiter. Mit einer gefährlich dicken Ader auf der Stirn nimmt der Wirtschaftswochenmann den Becher und beginnt, durch den Wagen zu ziehen.
„Eine kleine Spende bitte! Nur noch 300 Euro und die Kakophonie findet endlich ein Ende.“

Fahrgast um Fahrgast stopft eingeschüchtert Geld in den Pappbecher, der bereits überzuquillen droht. Als der Becher bei mir angelangt ist, werfe ich nichts hinein. „Also, ich find die Jungs ehrlich gesagt ganz gut“, verteidige ich meine ausbleibende Spende und deute eine ungelenke Tanzbewegung an. Sämtliche Fahrgäste schauen mich entgeistert an. Der Wirtschaftswochenmann ist das selbsternannte Alphamännchen dieses Waggons, der Pavian mit dem rötesten Arsch. Und ich habe mich ihm widersetzt. Immerhin dürfte ich damit die alte Dame von Platz eins der Futterliste gestoßen haben.

Zurück bei den Mariachi, hält der Anzugträger ihnen verzweifelt den Becher entgegen. Der Trompeter zählt flink nach und verkündet anschließend „981.“. Die Mariachi spielen weiter. Unbeirrt dudeln sie vor sich hin, kotzfröhlich und aus rätselhaften Gründen bestens hydriert und energetisch.

Der Anzugträger schubst wutentbrannt den Jogginghosen-Cappie-Jungen neben mir vom Sitz und setzt sich dicht an mich. „So Madamchen! Ich hoffe sehr für dich, dass du 19 Euro in deiner Tasche hast.“
Ich bin fast dreißig und kann mich nicht erinnern, wann mich das letzte Mal jemand als Madamchen bezeichnet hat. Aber auch jenseits dieser Frechheit habe ich die Nase voll von dem Alpha-Affen und obwohl auch mir die Mariachi tierisch auf die Nerven gehen, verweigere ich mich jetzt aus Prinzip. „Sorry“, sage ich, „nix zu holen! Ich bin leider arbeitslos zur Zeit.“

„Als ob!“, raunt er mir entgegen und reißt sich die Handtasche auf meinem Schoß unter den Nagel. Während ich den Wirtschaftswochen-Alpha-Affen ungläubig anstarre, springt ihm der unerwartet kampflustige Jogginghosenjunge auf den Rücken. Der Affen-Jogginghosen-Haufen taumelt durch den Wagen, während Lipglosse, Tampons und Kaugummis wie Konfetti aus meiner Tasche purzeln. Wo nehmen die bloß die Kraft her, denke ich, und versuche meinen klebrigen Schwitzekörper vom Sitz zu lösen. Endlich vom feuchten Stoff des Sitzes geschält, kauere ich mich auf den Boden um meine Habseligkeiten aufzulesen, als das Jogginghosenjungen-Wirtschaftswochenmann-Knäuel rückwärts auf mich zu torkelt und schließlich über mich stolpert. Ein markerschütterndes Quietschen erfüllt den Waggon und bringt sogar die Mariachi-Band zum Schweigen.

Als sich das Männerknäuel zur Seite rollt, kommt unter ihnen der zerquetschte Terrier der Nazi-Oma zum Vorschein. Diese zieht ungläubig an der Leine und stammelt unablässig den Namen ihres Terriers: „Rudi, Rudi wach auf!“ Die Mariachi unterdessen stimmen eine herzzerreißende Trauermelodie an, als sich völlig unerwartet der Zug in Bewegung setzt und wir wenig später in den Bahnhof einrollen.
„Vielen Dank für Ihre Geduld und einen schönen Tag noch!“, schallt es aus den Lautsprechern.

Als sich die Türen öffnen, entreiße ich dem auf dem Boden liegenden Wirtschaftswochen-Alpha-Affen-Männchen meine Handtasche, zücke die Geldbörse aus meiner Hosentasche, ziehe einen Zwanziger aus dem Scheinfach und stopfe ihn in den Becher der Mariachi-Band. Die Sombreros nicken mir wohlwollend zu, als ich aus der Hitze des Wagens in die Hitze der Stadt trete und Ausschau nach einer Wasserstelle halte, an der es möglichst wenig Affen gibt.

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