Ein Märchen

Auf der Spitze eines hohen Berges lebte einst ein Junge. Den Berg hatte er sich als Zuhause gewählt, weil er von hier den besten Ausblick über die sattgrüne Landschaft genießen konnte. Die meiste Zeit war der Junge allein auf seinem Berg, denn das Dorf, in dem seine Freunde und Familie lebten, lag weit unten im Tal und der Weg hier hinauf war lang und beschwerlich und dauerte mehrere Tage.

Einsam war der Junge trotzdem nicht, denn oftmals kam ihn ein kleines Vögelchen besuchen, das fröhliche Lieder für ihn zwitscherte, sich aus dem Haar des Jungen ein kuscheliges Nest baute oder mit ihm den Ausblick genoss. Und jedes Mal verabschiedete sich das Vögelchen mit einem hellen Zwitschern, bevor es sich an die Klippe stellte, in den Abgrund hopste und nach einigen Sekunden des freien Falls seine Flügel spreizte um im Aufwind davon zu segeln.

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Doch an einem verheißungsvollen Tag beschloss der Junge, dass das Vögelchen sich nie wieder verabschieden sollte. Als es sich wie immer zur Begrüßung auf die Hand des Jungen setzte, packte dieser fest zu und zückte eine glänzende Schere aus seiner Hosentasche. Feder um Feder fiel auf den Boden hinab, während das Vögelchen mit seinem Schnabel um sich zwickte und verzweifelt versuchte, sich aus dem festen Griff zu befreien.

Als der Junge sein Werk vollbracht hatte, setzte er das Vögelchen auf seine Schulter, wo es reglos sitzen blieb. Weder wollte es sich ein gemütliches Nest aus Kopfhaar zusammen zupfen, noch wollte es ein fröhliches Lied anstimmen. So gut der Junge dem Vögelchen auch zuredete, es wollte einfach nicht mehr fröhlich sein. Der Junge schämte sich, während das Vögelchen sehnsüchtig in die Ferne schaute.

Eines Tages wachte der Junge auf und das Vögelchen war verschwunden. Stundenlang suchte er die Bergspitze ab, doch ohne Ergebnis. Hatte sich das Vögelchen etwa ein letztes Mal in die Tiefe gestürzt? Der Junge, einsam und traurig, entschied sich, zurück in das Dorf zu gehen, jetzt wo das Vögelchen ihm keine Gesellschaft mehr bot.

Als er ein letztes Mal an der Klippe stand und die Aussicht über das Land genoss, sah er das Vögelchen herannahen. Seine Federn mussten unbemerkt nachgewachsen sein. In seinem Schnabel hielt es einen seltsamen Gegenstand, den es vor den Füßen des Jungen ablegte, als es landete.

Aufgeregt zwitschernd hüpfte das Vögelchen um das Paket herum. Als der Junge es schließlich auseinander faltete, erkannte er zwei große Flügel aus kleinen Ästen, Blättern und Bindfaden. Er steckte seine Arme durch die Schlaufen auf der Innenseite der Flügel, während das Vögelchen bereits an der Klippe stand und aufgeregt hin und her trippelte.

Gemeinsam sprangen der Junge und das Vögelchen in die Tiefe und spreizten ihre Flügel. Und während der Junge mit einem dumpfen Laut auf dem Boden aufschlug, segelte das Vögelchen in den Sonnenuntergang davon.

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