Für ein Kind namens Philipp, das ohne Bärchenwurst erwachsen werden musste

Ein Erfahrungsbericht über tiefgreifende Traumata, die westdeutschen Dorfgören vorbehalten sind.

Eigentlich war ich ein nahezu rundum glückliches Kind. Obwohl ich ständig gebettelt habe, ich hätte gerne einen großen Bruder, bin ich leider bis heute ein Einzelkind geblieben. „Du bist uns mehr als genug!“, sagten meine Eltern mir stets abwehrend, wenn ich sie mal wieder anflehte, in die Nachwuchsproduktion zu gehen. Ein Kompliment – zweifelsohne.

Als klägliche Versuche eines Geschwisterersatzes dienten deshalb immer wieder Haustiere – darunter ein Hase, zahllose Hamster, ein Wellensittich, eine Eidechse aus dem Wald und selbstgesammelte Kaulquappen aus dem Tümpel im Nachbardorf. Letztere habe ich an dem Tag zurück in den Tümpel gebracht, an dem ich erfahren habe, dass Frösche zum Laichen stets dorthin zurückkehren, wo sie selbst das Wasser verlassen haben. Die Vorstellung, dass im Frühjahr zweihundert laichfreudige Frösche unkend in mein Kinderzimmer zurückkehren, bloß weil sie dort nunmal aus dem Wasser gekrochen sind, fand ich verstörend und gegenüber meinen Eltern nur schwer erklärbar.

Trotz der Abgeschiedenheit unseres beschaulichen Dorfes, das immerhin knapp fünfhundert Einwohner – Tendenz sinkend – beherbergte, hätte mein mittelgebirgisches Kindheitsidyll bis zum heutigen Tage anhalten können, hätten sich nicht an einem verheißungsvollen Tag kurz nach meinem sechsten Geburtstag Regenwolken in das noch ungetrübte Bild gemogelt und erste Risse in die perfekte Fassade gesprengt.

Nach einem Sandkastenkampf mit meinem Lieblingsfreund Patrick, hatte man mir für den Nachmittag kindergartenfrei gegeben. In seliger Eintracht hatten wir unsere Sandburg gebaut, sie an das hiesige Verkehrsnetz angeschlossen und dann festgestellt, dass die Straße in zwei Richtungen ging, wir aber nur einen Spielzeug-LKW hatten. Schnell war der Sand aus meiner wild wütenden Kinderfaust in Patricks Augen und seine wild wütende Kinderfaust in meinem Milchzahngebiss gelandet. Obwohl ich mehrere Stunden eisern vor mich hin gelispelt hatte, dass der Zahn einfach ausgefallen war und Patrick keine Schuld trage, hatte man uns beide nach Hause geschickt. Zur Besinnung.

Jenseits der Kindergartenhecke wartete die magische Welt der alltäglichen Erledigungen meiner Mutter und an diesem Tag war der Wocheneinkauf angesagt. Wir fuhren gemeinsam in die nächste Kleinstadt, wo die metropolitische Faszination einer zweistelligen Anzahl von Ladengeschäften und eine vierstellige Einwohnerzahl mich stets verzauberten.

Meistens gab es in der Stadt ein Eis oder einen Mann mit Drehorgel, aber die Kirsche auf der Sahnehaube kleinstädtischen Flanierens war der Supermarkt. Dort konnte man stundenlang durch die Regale streifen, sich vorstellen, man sei in der erstaunlich gut sortierten Speisekammer eines riesigen Raumschiffes, sich vorne an den Einkaufswagen hängen und an der Wursttheke gab es für Kinder immer eine Scheibe Bärchenwurst.

Während meine Mutter eichhörnchengleich die Familienverpflegung für eine ganze Woche zusammen sammelte, versteckte ich Süßigkeiten unter dem Obst in unserem Wagen und fieberte dem großen Finale an der Wursttheke entgegen.

Endlich war es so weit und wir erreichten die Wurstwaren samt Wurstwarenfachverkäuferin. Wie immer unterhielten meine Mutter und die Verkäuferin sich kurz, ich hörte mit einem Ohr hin und begriff, dass es irgendetwas mit meinem Geburtstag zu tun hatte und dass ja alles so schnell ginge und alle so schnell groß würden. Irgendetwas war hier faul. Wo war meine Scheibe Bärchenwurst? Angespannt stellte ich mich neben meine Mutter, schaute die Verkäuferin erwartungsvoll an und wartete.

Und wartete und wartete. Hörte wie durch einen Wattebausch, wie sich die Verkäuferin von uns verabschiedete und den nächsten Kunden bediente. Was? Wie konnte das sein? Wo war mein essbares rosa Bärengesicht? Wie ein Schlag in die Magengrube traf mich die Erkenntnis, dass mein Geburtstag schuld an der Misere war. Ich war sechs Jahre alt. Was ich noch vor wenigen Minuten für eine willkürliche Zahl mit Kerzen und Kuchen gehalten hatte, entpuppte sich jetzt als die Überschreitung einer magischen Grenze hinter der Ödnis und Wurstmangel herrschten. Vom Olymp unbeschwerter Kindlichkeit hinabgestiegen, musste ich mir nun die Füße im Erwachsenenleben schmutzig machen.

Ernüchtert und mit ersten Sorgenfalten hing ich vorne am Einkaufswagen und ließ mich ein letztes Mal von meiner Mutter schieben. Als wir uns auf die Kasse zubewegten, stand die Sonne bereits niedrig und fiel zu den Glastüren herein. Mein Haar wehte im Fahrtwind, als ich in die untergehende Sonne fuhr.

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