Der blinde Fleck oder Tagebuch einer schmerzlich Übersehenen

Da, wo der Sehnerv auf die Netzhaut trifft ist der blinde Fleck, ein winzig kleiner Bereich, auf dem es keine Zapfen und Stäbchen gibt. Weil mensch aber nur schlecht mit Lücken im Bild umgehen kann, rechnet das Hirn dazu, was es nicht sieht, anhand der Umgebung. Das ist eine ganz erstaunliche Leistung, finde ich.

Eine ebenso erstaunliche Leistung ist es, dass du es schaffst, Tag um Tag, den wir in dem gleichen Büro arbeiten, deinen Kopf stets so zu drehen, dass ich scheinbar genau da stehe, wo dein blinder Fleck dich daran hindert, Notiz von mir zu nehmen. Stattdessen werde ich von einem verwirrten Geist mit Peripherie überschrieben.

Eine noch viel erstaunlichere Leistung ist es, dass du es jedes Mal, wenn ich mich aus dem toten Winkel deines Auges heraus schleiche und Kontakt mit dir aufnehme, du mich hinterher umgehend wieder vergisst. Nicht nur dein Auge dreht sich stets exakt so, dass ich im Windschatten deines blinden Flecks verloren gehe, auch dein Gedächtnis wirft mich immer und immer wieder wie einen zerknüllten Notizzettel in den Papierkorb des Belanglosen.

Wie kann das nur sein, frage ich mich. Dass ausgerechnet ich nicht anders kann, als dich permanent mit meinem Blick zu fokussieren und auch in meinem Hirn kaum anderes als du vor sich geht, während alles andere auf der mentalen Müllhalde anlandet. Und während du mein Universum bist, ich in deinem die Relevanz eines Staubkorns habe.

Noch dazu bist du durchaus in der Lage, anderen Menschen Bedeutung beizumessen, was deine Ignoranz nur noch schmerzhafter werden lässt. Neulich erst, als ich abends bei deinem Haus war, habe ich gesehen, wie liebevoll und vergnügt du mit deinen Kindern und deiner Frau Brettspiele gespielt hast. Etwas zu spießig für meinen Geschmack. Wenn du mich erst einmal siehst, dann werden wir uns schon aufregendere Zeitvertreibe einfallen lassen.

Es wird wunderbar, mein Lieber! Ich habe dich fotografiert, mit deiner Geliebten, der kleinen Französin mit dem Pferdeschwanz. Ist sie überhaupt schon volljährig? Die Fotos jedenfalls sind soeben in dem Mail-Postfach deiner Frau gelandet. Ich hoffe, sie zieht Konsequenzen und macht die Sicht frei für mich, ansonsten muss Plan B in Kraft treten. Ach, das wäre doch ärgerlich. Es ist schließlich nicht die Jahreszeit für Entführungen.

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