Und Cindy singt

Es ist irgendwann Anfang der Neunziger und wir sitzen auf dem kratzigen Teppichboden meines Kinderzimmers. Die Wände sind bunt. Eine rot, eine gelb, eine blau, eine grün. Neben deinem Knie ist ein pinker Fleck im Teppich. Knete, die ich irgendwann mal in die raue Faser einmassiert habe. Weil mir langweilig war und sich die von der Knete umschlossene Teppichfaser gut angefühlt hat. Wir hocken hier auf dem Teppichboden, mit aufgescheuerten Kinderknien. Die zerkratzte Haut über die Gelenke gespannt. Haut, die noch verzeiht.
Zwischen uns ist der Kassettenrekorder und wir warten. Auf das richtige Lied. Stundenlang fixieren wir die feinporigen Gitter, hinter denen sich die Lautsprecher verstecken und auf einmal sind sie da: die ersten Töne. Und Cindy singt. Time after time.
Zufrieden schauen wir uns in die Augen und ohne eine Textzeile zu verstehen versprechen wir uns, füreinander da zu sein. Wann immer. Wo immer.

All das fällt mir bloß ein, weil ich gerade im Supermarkt stehe. Es ist 2017, ich kaufe Tiefkühlpizza und Dosenbier und im Marktradio dudelt unser Lied. Du wohnst jetzt am Wannsee und hast Kinder, sagt deine Facebook-Timeline. Es ist zwanzig Jahre her, dass unser Tamagotchi gestorben ist. Dass wir eine Welt waren, in der sonst niemand Platz hatte. Und jetzt, jetzt bin ich eine kleine Welt, in der niemand Platz hat und deine Welt ist so voll, dass ich keinen Platz darin habe. Denkst du manchmal an mich? Spähst du auch mich manchmal aus, suchst mich im Internet? Vielleicht an gemütlichen Sonntagnachmittagen? Wenn du in deinem Arbeitszimmer am Wannsee sitzt, deine Kinder im Garten mit dem Hund toben siehst und an uns zurück denkst?

Ich stehe hier in einem dreckigen Supermarkt und kaufe Tiefkühlpizza und Dosenbier und trauere dir noch immer nach, nach all den Jahren. Dir, die du mir beigebracht hast, wer ich bin. Weil ich nur in deinen Augen war. Nur da war, weil du mich gesehen hast. Und nur so war, wie du mich gesehen hast. Und jetzt bist du weg und ich bin unsichtbar. Für dich. Für mich.
Bei all dem, was du mir beigebracht hast – wie konntest du nur vergessen, mir beizubringen, mich zu sehen, bevor du gegangen bist?

Eine fremde Hand auf meiner Schulter reißt mich aus dem Tagtraum. Meine Knie zittern und Dünnflüssiges fließt mir aus der Nase, meine Wangen fühlen sich heiß an. Ich drehe mich in Richtung der Hand um, die einem jungen Typen gehört, der hier wohl arbeitet, schließe ich aus seinem Namensschild.
„Siehst du mich?“, frage ich ihn irritiert.
„Hast du ‘n Knall, Alter? Bezahl mal deinen Kram, wir machen dicht“, wirft er mir entgegen und schlurft davon.
Und Cindy singt. Time after time.

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