Jan muss sterben

Der Tag der Rache war gekommen. Jan, an dem das Exempel statuiert werden sollte, ahnte davon leider nichts und verbrachte so den letzten Tag seines Lebens wie jeden anderen. Frustriert von der Belanglosigkeit seiner Arbeit kam er nach Hause und wollte sich mit Bier und Bulette auf dem Sofa ausbreiten und sich vom Fernseher das Hirn aufweichen lassen.

Was Jan an diesem Abend zum Verhängnis wurde, waren nicht etwa das aufgeweichte Hirn oder sein fragwürdiger Lebenswandel, nein. Vielmehr war es der Umstand, dass er seit einer Weile, seit sieben Wochen um exakt zu sein, eine Freundin hatte. Also, um ganz genau zu sein, war das, was Jan in sein Verderben stürzte, die Tatsache, dass seine Freundin Vegetarierin war.
Denn mit ihr kam das Gemüse ins Haus.

Wenn es um ihr Gemüse ging, da verstand Jans Freundin keinen Spaß. Verändertes Erbgut, lange Reisewege oder Plastikverpackungen – all das kam für sie nicht in Frage. Das Gemüse musste frisch und regionaler Herkunft, biodynamisch angebaut und von glücklichen Mindestlohnempfängern während der richtigen Mondphase geerntet worden sein. Nur so konnte gewährleistet werden, dass noch ein Hauch frischen Lebens und eine Mindestmenge an Nährstoffen im Nahrungsmittel steckte.

An Jans Todestag füllte seine Freundin bereits vormittags den Kühlschrank mit frischem Gemüse vom Markt. Den Brokkoli, ein paar Kugeln Rote Bete und einen Kopfsalat platzierte sie im obersten Regalboden, direkt über den Unmengen Fleisch, über die sie in einer Mischung aus Mitleid und Ekel die Nase rümpfte. Sie würde ihm den Fleischkonsum abgewöhnen müssen, seiner Gesundheit zuliebe. Auch das Biertrinken und Fernsehschauen wollte sie durch erbaulichere Feierabendbeschäftigungen ersetzen. Schritt um Schritt gedachte sie, Jan zu formen, bis er ihr restlos gefiel. Doch dafür sollte keine Zeit bleiben.

Denn in der Dunkelheit des Kühlschranks erlitten die zartbesaiteten Rote Bete-Knollen gerade einen Nervenzusammenbruch. „Ich rieche Tod. Ich rieche Verwesung!“, stammelte einer der Kugeln und rollte in der Monotonie eines gerade erst angeeigneten Hospitalismus hin und her.
„Und ich hab das für ein Märchen gehalten…“, entglitt es dem Kopfsalat im Augenblicke der Erkenntnis.
„Spuck es aus, Salatkopf! Was für ein Märchen? Erzähl schon, warum es hier nach Leiche stinkt“, blaffte der vom Todesgeruch umgehend aggressiv gewordene Brokkoli.
„Die Menschen, sie essen andere Tiere. Und weil sie nie genug bekommen, legen sie sich in ihrer endlosen Gier Vorräte an. Sie verarbeiten die Tiere zu Brei und füllen sie dann in ihre eigenen Därme.“

Die Rote Bete-Kugeln starrten mittlerweile paralysiert in die Dunkelheit. Der Brokkoli hingegen, schmiedete einen Plan. Die kindliche Abneigung gegen Brokkoli kommt nämlich nicht von Ungefähr. Er ist der skrupellose Mafioso unter den Gemüsesorten.
Als Jan also nichtsahnend den Kühlschrank öffnete, trat sogleich der ausgeklügelte Brokkoliplan in Kraft. Wie zufällig kullerte eine der Rote-Bete-Kugeln aus dem Kühlschrank heraus, an Jan vorbei in die Mitte der Küche. Er drehte sich um, bückte sich nach der rötlichen Kugel und der Kopfsalat nutzte die Chance, ein Held zu sein. Er sprang aus dem Kühlschrank, Jans plattgesessenem Gesäß entgegen und versetzte ihm damit einen derartigen Schlag, dass Jan vornüber fiel.

Jetzt war der Moment des Brokkoli gekommen. Er griff sich eine ungarische Salami, sprang auf Jans Rücken und begann, den Menschen ausgerechnet mit seiner Lieblingswurst zu strangulieren. Kampflos wollte sich der Gewürgte dem Plan des Mafiagemüses jedoch nicht fügen und so strampelte und ächzte Jan, drehte sich auf den Rücken und drohte gar, sich aus der Salami-Schlinge zu befreien. Eine Niederlage war schlichtweg inakzeptabel und so beschloss der Brokkoli, sich in einem kühnen Akt aufzuopfern.

Mit einem letzten Aufschrei rammte der Brokkoli seinem holzigen Strunk tief in die aufgerissene Mundhöhle des um sein Leben Brüllenden, riss sich zwei zarte Röschen aus und stopfte sie in Jans Nasenlöcher. Jan grunzte und strampelte mit letzter Kraft und ihm wurde klar, dass das frühe Ende seines Lebens tausend andere Tode aufwiegen sollte. Als Jans Freundin an diesem Abend in die Küche trat, fand sie ihren Freund mit blauem Gesicht, seine Atemwege mit Brokkoli versiegelt. Um ihn herum lag ihr Gemüse und eine Salami.

Und ganz tief in sich spürte sie ihr biodynamisches Vegetarier-Weltbild zerbrechen, war ihr Jan doch ganz eindeutig an Gemüse gestorben.

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