Ein guter Tag

Ein scheinbar gewöhnlicher Dienstag wartet auf sie. Wie jeden Morgen schält sie sich lustlos aus den wohlig-warmen Laken und stapft in den kalten Tag. Morgenhygiene, Nahrungszufuhr, Abschiedskuss, Bahnfahrt. Sie fühlt sich wie eine Fließbandarbeiterin, die stumpf und ohne nachzudenken immer und immer wieder die gleichen Handgriffe macht. Die jeden Tag die gleichen Kleinteile zusammensteckt, aber das große Ganze nicht ahnt und deshalb keinen Sinn in ihrem Tun sehen kann.

Gelangweilte Gesichter begrüßen sie im Büro, wo bereits jeder dem kommenden Freitag entgegenfiebert. Viel zu weit weg steht er und lockt mit dem Versprechen arbeitsfreier Zeit, in der das Arbeitervolk endlich wieder Sinn in seinem Handeln spürt.

Mit aufgesetzter Fröhlichkeit und liegengebliebenen Anrufen vom Vortag vertreibt sie sich den Vormittag, bis sie sich in die erste Kaffeepause wagt. Wie beinah jeden Tag lässt auch ihr schleimiger Vorgesetzter sich nicht die Chance entgehen, sich in die Kaffeeküche zu schlängeln, um ein unerwünschtes Gespräch über Belanglosigkeiten zu beginnen.

Sie ekelt sich. Vor ihm und seiner Distanzlosigkeit. Und vor sich selbst, weil sie sich seinen Blick gefallen lässt. Anfänglich hatte sie Mitleid mit ihm. Scheinbar hing der Haussegen bei ihm schief. Vielleicht war er ausgezogen oder aber seine Frau. Jedenfalls gab es plötzlich niemanden mehr in seinem Leben, der bereit war, seine Hemden zu bügeln.

Sie fürchtet jetzt, dass er ihr mal wieder auf den Leib rückt, als würde er ihr gleich in die Bluse klettern. Schon seit einer Weile war er herausfordernd aufdringlich, hatte ihr mehr als einmal an den Hintern gefasst und nach ihrer Drohung, die Chefetage zu informieren lediglich ein „Ach, hab dich nicht so, Mäuschen!“ geerntet.

Aber heute ist kein Dienstag wie all die anderen unzähligen stinklangweiligen Dienstage. Heute sieht er ungeduscht aus, hat Glitter auf der Stirn und stinkt nach Alkohol, Aschenbecher und einer Mischung aus Schweiß und billigem Frauenparfum.
Heute hat sie auf ihrer Fahrt zur Arbeit etwas zu lange darüber nachgedacht, dass sich ihr Leben wie ein unbequemer Schuh anfühlt.

Heute ist wahrlich kein Tag wie jeder andere. Heute lässt sie sich dieses respektlose Getue nicht gefallen. Heute denkt sie nicht über Konsequenzen oder richtig und falsch nach.
Heute ist der Tag, an dem sie fünf Stunden in der Notaufnahme sitzt und darauf wartet, dass man ihre aufgeplatzte Hand näht. Denn heute ist der Tag, an dem sie ihrem Vorgesetzten den linken Schneidezahn ausgeschlagen hat.

Heute ist ein guter Tag.

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