Kerngehäuse mit Freud(e)

Freitag. Feierabend. Straßenbahn heimwärts. Der Stress der Woche fällt von mir ab wie bröselige alte Farbe, immerhin wartet das Wochenende auf mich und meine hochgelegten Füße.
Genüsslich mampfe ich meinen Apfel. Verdient habe ich den. Und nötig ist er auch. Ich muss nämlich noch einkaufen und wenn ich den Apfel nicht esse, dann bin ich zu hungrig und kaufe nur Schokolade und Käse.

Halb in die meditative Kopfmassage des Kauens versunken, bemerke ich einen Typen, der mich beäugt. Ich denke mir nichts dabei, wir sind schließlich in Berlin. 99 Prozent interessieren sich nicht für dich und ein Prozent glotzt blöde.

Traurig um den schon weg gemampften Apfel windet sich meine Zunge im Geschmack aufgebissener Apfelkerne. Wenn ich das Kerngehäuse esse, fühle ich mich immer wie ein Biber. Irgendwann esse ich mal den Stiel mit, denke ich mir jedes Mal. Als ich gerade das letzte Bisschen Gehäuse von meinem Stiel beiße, läuft der glotzende Typ auf mich zu, spuckt mir ein verächtliches „Bäh!“ entgegen und ist durch die sich schließende Tür verschwunden.

Wie jetzt? Was bäh? Selber bäh! Was meint denn der? Hab ich irgendwo was? Nee, das Ich, das sich in der Glasscheibe spiegelt, hat nichts. Nirgendwo. Galt das etwa meiner Person als Gesamtkonzept? Nein! Es galt dem aufgeknabberten Kerngehäuse, das sich nun in meinem Bauch befindet und das „Bäh!“ sicher nicht hören musste.

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Was dem einfällt, frag ich mich. Was irgendwem einfällt, der Wildfremden in der Bahn auf’s Auge drücken muss, dass ihn die Essgewohnheiten des Anderen ekeln.

Ich sehne mich schlagartig nach den guten alten Zeiten. Auf dem Dorf. In meiner Kindheit. Als die einzige Sorge an einem mitgegessenen Kerngehäuse die war, ob nicht vielleicht doch irgendwann mal – aller Ungastlichkeit meiner Magensäure zum Trotz – ein Kern sich ansiedeln und ein Baum in meinem Bauch wachsen würde. Das waren Sorgen und schlaflose Nächte!

Aber essen durfte ich wenigstens, was ich wollte. Meine Kindergärtnerin predigte stets ihr ‚Dreck reinigt den Magen‘-Mantra und alles, was meine Eltern machten, als ich Schlamm aß und Steine lutschte, war Fotos zu schießen. Noch heute zeigen sie die potentiellen Schwiegersöhnen, lassen sie kurz im Glauben, der braune Rand um meine Schnute sei Schokolade und lösen dann das Rätsel auf.

Das wird es wohl sein. Der Bähglotzer durfte sicher nie Steine lutschen oder sich kiloweise Sand in den Mund schaufeln. Versöhnlich schaue ich mich um.
Da sitzt ein älterer Herr in Anzug direkt vor mir. Lässig zieht er an seiner Zigarre, das Band seiner Taschenuhr baumelt fröhlich im Takt. „Orale Phase“, murmelt er. Sein österreichisches R und die Bahn rollen in die Nacht und ich gehe zufrieden einkaufen.

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