Waschbärenbekenntnisse 3

Meine Frau und ich, wir sind nicht nur beruflich extrem erfolgreich. Wir sind auch herausragende Gastgeber. Jeden ersten Freitag des Monats gibt es in unserem Haus ein großes Dinner mit zwanzig fein erlesenen geladenen Gästen. Die Entscheidung, wer eingeladen wird, treffen meine Frau und ich gemeinsam. Es gilt, eine perfekte Mischung nützlicher Personen aus Wirtschaft und Politik sowie spannender Charaktere der Populärkünste einzuhalten, um einen flüssigen und anregenden Gesprächsfluss bis in den späten Abend zu garantieren.

Gäste fühlen sich wohl bei uns. Das Haus ist die ideale Ordnung. Glas, Stahl und weißer Hochglanzlack gehen ineinander über, als seien sie organische Materie – fleischgewordene Eleganz. Die abweisend glatten Oberflächen kontrastieren bewusste Elemente der Wohnlichkeit wie ein Kamin, die weiche Sitzecke oder scheinbar liebevoll gebundene Blumensträuße.

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Meine Frau bekocht die Gäste. Sie tut es gern, denn sie ist gut darin. Gäste schauen ihr gern zu, weil ihre zart angedeuteten Rundungen in dem Businesskleid und der schlichten Schürze Sehnsucht schüren, während sie in ihrer bestechend charmanten Mischung aus Seriosität und Verspieltheit eloquent durch die Küche schwebt.

Wir sind das perfekte Paar in dem perfekten Haus mit dem perfekten Netzwerk. Dank meiner herzwarmen Frau ist unsere Fassade gläsern genug, um nicht brüchig zu werden. Sie schafft es mit ihrer fesselnden Art, Anderen emotional nah zu sein, jenseits des Kalküls.

In ihrer kristallenen Blase der Perfektion benötigt sie jedoch ihren kleinen Erfolg, den Geschmack der Macht, die Versicherung, dass sie nicht nur die selbstgeschnitzte Marionette unseres Konstruktes ist, sondern dass sie die Zügel in ihren zarten Händen hält.

Und so hat sie eine Tradition etabliert, von der niemand außer uns weiß. Ein jedes Mal, wenn die Vorspeise servierfertig ist, entschuldigt sie sich kurz, schließt die Badezimmertür hinter sich und uriniert. Sie faltet ein paar Blätter Toilettenpapier und säubert sich. Sie spürt, wie das gierige Papier einzelne Tropfen aufsaugt und feucht wird. Stellt sich vor, wie die Kapillarkräfte die Flüssigkeit durch das flauschige Papier bis zu ihrer Haut tragen.
Sie lässt das Papier unter sich fallen, betätigt die Spülung und dreht den Wasserhahn auf. Ihre Hand jedoch hält sie nicht darunter, das nasse Becken dient lediglich dem Erwecken eines Anscheins.

Sie geht zurück in den Wohnbereich und spürt das Glühen in ihrer rechten Hand. Ihr Herz pocht wild. Sie fühlt sich frei, so frei.
Sie serviert mit meiner Hilfe rasch die Suppenteller, setzt sich auf ihren Platz. Das Publikum, die wassertriefenden Münder, gaffen sie an. Ein Wort der feinen Dame, dann darf das Essen beginnen. Ein Wort dieser perfekten Göttin des Abends, der Herzen.

Sie nimmt ihre rechte Hand. Sie pulsiert und zittert fast. Der Zeigefinger streckt sich aus und gleitet sanft in die cremige Suppe. Er hebt sich wie ein Zepter in die Luft und nähert sich dem begehrten Mund, in den er zart verschwindet, um die Suppe auf der Zunge abzulegen. Die Dame des Hauses schaut ihrem Mann in die Augen und blitzt dabei vor Verwegenheit.
Ein jauchzen entfährt ihrem Körper, sie klatscht sanft in die Hände und wünscht der Versammlung einen wunderbaren Appetit.

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Ein Gedanke zu „Waschbärenbekenntnisse 3“

  1. Ja, da werden die Frauen im sommerlichen Straßenbild gleich viel weniger schön, wenn man sich vorstellt, welch Gesellschaftsleben sie einem zumuten mögen: „Wenn ich an den Vergnügungen, die in der neuen regierenden Schicht immer mehr Sitte wurden, nicht teilnahm, so nicht aus moralischen Prinzipien, sondern weil ich mich der Folter schlimmster Langeweile nicht aussetzen wollte. Gastgebereien, fleißiges Besuchen des Balletts, gemeinschaftliche Trinkabende mit dem dabei unvermeidlichen Klatsch über die Abwesenden hatten für mich gar keine Anziehungskraft“, schreibt Leo Trotzki mir seit frühester Jugend aus der Seele.

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