Apologie der Fantasie

Wie das eine oder andere Lesebienchen vielleicht bereits mitbekommen hat, neige ich dazu, hin und wieder Dinge zu schreiben. Bunte Worte fädel ich gerne wie Perlen zu Ketten, Sätzen, Seiten.
Was mir dabei als Inspiration dient, kann ganz unterschiedlicher Herkunft sein. Es gibt Erlebtes, Erzähltes, Erdachtes,… Manches hat sich genau so abgespielt, manches ist frei erfunden, von manchem wünsche ich sehnlichst, es gehöre in Kategorie eins, bei manchem wundere ich mich, dass mein Kopf sich sowas ausdenken kann.

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Aber nichts, kein einziger Satz dessen, erhebt Anspruch auf allgemeine Wahrheit. Nichts behauptet, sich exakt oder auch nur annähernd beinah fast so abgespielt zu haben. Besonders in einer Art Fiktion, die ohne Fantastik auskommt und daher eine gewisse Nähe zum Realen und Wahrscheinlichen genießt, suchen Leser ja gerne nach autobiografischem Salat, der für bare Münze genommen und der Autorenvita eingeschrieben werden kann.

Macht das nicht, aus, pfui! Das ist ein grober Fehler und überhaupt ganz und gar blödsinnig. Niemand würde davon ausgehen, dass H.G. Wells tatsächlich eine Zeitmaschine hatte. Niemand unterstellt Harry Potter oder dem Herrn der Ringe Wahrheitsgehalt auf inhaltlicher Ebene. Niemand würde annehmen, dass Tiere wie in Fabeln tatsächlich menscheln oder dass es fliegende Schweine oder Elefanten gibt.

Es handelt sich dabei um Fiktion. Eine Welt wurde fingiert, um bestimmte Handlungen zu beheimaten. Diese Welt ist nicht deckungsgleich mit der Welt vorm Fenster, selbst wenn unsere Welt als Schablone dient.
Das erscheint jetzt als unfassbar triviale Feststellung, dennoch passiert es immer wieder, dass man Dingen, die ich schreibe, autobiografische Deckungsgleicheit unterstellt und mich gar auf vermeintliche Fehler in meiner erschriebenen Welt aufmerksam macht. (Beispiel: „Du meinst damit doch eindeutig diesen einen Familienausflug damals. Das war aber an einem Donnerstag, nicht an einem Mittwoch.“)

Liebe Leser_innen, hört auf damit! Akzeptiert die Fantasie endgültigst als Fantasie und die Literatur als Literatur, in der nicht immer diese Realität enthalten ist, auf die sie doch eh gar keinen Bock hat. Wo wäre ihre Daseinsberechtigung? Wenn alles Biografien und Memoiren wären? Ich jedenfalls würde mich zu Tode langweilen!

Zum Glück bin ich ja zuweilen recht pflegeleicht und habe daher eine neue Kategorie: Fiktion. Tadaa. Alles, was in der Fiktion-Schublade liegt, erhebt keinen Anspruch auf irgendetwas und möchte inhaltlich unkorrigiert und unermahnt stehen bleiben. Konstruktiv darf es hingegen wie alles kritisiert werden. Ein Hoch auf das Fabulieren und die Fantasie!

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5 Kommentare zu „Apologie der Fantasie“

  1. Aber warum verbringen die Menschen so viel Zeit damit, sich ihre langweiligen Leben zu erzählen? Hauptsächlich wohl, weil man sich guten Gewissens nur in Gesellschaft betrinken darf. Als Nichttrinker wünsche ich mir dann immer eine Brille, hinter deren Gläsern ich Spielfilme sehen kann… Die größte Konkurrenz der Buchbranche ist es ja gerade, dass Menschen lieber auf WhatsApp miteinander labern. Und gerade als Partner wird man meist inakzeptabel, wenn man eher ein Buch liest, statt mit der Clique endlose Stunden lang „nett“ beeinander zu sitzen…

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  2. Man erzählt ja nicht das Langweilige, sondern nur das Aufregende. Selten erzählt mir jemand von seinem reibungslosen Stuhlgang und der ergebnislosen Endoskopie. So empfinde ich dann auch das sinnarme Geplapper via Instantmessenger nicht als der Literatur ebenbürtig. Ich bin ein guter Partner, ich erzähle gerne in netten Runden angeregt von frisch Gelesenem oder Erdachtem oder höre aufregende Geschichten aus fremden Mündern.

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    1. Ups, das hätte ich jetzt nicht erwartet, eher, dass die Menschen in Cliquen einander mögen, und sich daher auch mit ihren langweiligen Leben angenommen fühlen dürfen. Das Gewähren und Entziehen von Aufmerksamkeit ist wohl das wichtigste Instrument, gesellschaftliches Verhalten zu steuern. Und natürlich, dass ein Mensch nicht vergisst, seine Paarungsfähigkeit zu unterstreichen: „Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle, hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß, mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert, so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere, angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ…“ Ob Frau Redisch nun denkt, dass ihre „aufregenden“ Geschichten den Konsul beeindrucken?

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  3. Ich nutze keineswegs das Sieb der aufregenden Story als Mittel zur Aufmerksamkeitslenkung. Ich selektiere nicht vor, schaue wer die beste Geschichte zu erzählen hat und schenke dann gegebenenfalls Zeit und Gehör. Das ist Blödsinn.

    Das Leben bringt einfach so viel Aufregendes, Spannendes, Unfassbares! Das will alles erzählt werden, und so bleibt oft einfach keine Zeit für Triviales wie „Übrigens. Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist.. ich atme auch immer noch.“

    Aufregende Geschichten zeichnen sich doch dadurch aus, dass sie erzählt werden wollen! Da höre ich gerne zu, in der Hoffnung, dass niemand den lächerlichen Hintergedanken hat, beeindrucken zu wollen.

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    1. Also ich möchte meinen Mitmenschen regelmäßig Schmerzensgeld zahlen dafür, dass sie mir zuhören mussten. Selbst wenn es sich um studierte Bildungsbürger handelte: „Denn Kjartan war da, und Kjartan hatte ein ganzes Jahr lang Heidegger gelesen und war von Heidegger erfüllt worden, mitten in seinem anstrengenden, sinnlosen Arbeitsleben hatte er das getan, ohne eine Menschenseele zu haben, mit der er sich austauschen konnte, denn im Umkreis vieler Kilometer hatte niemand jemals von Heidegger gehört, und es wollte auch niemand etwas von Heidegger hören, obwohl ich ahnte, dass er es versucht hatte, das musste er einfach getan haben, so erfüllt, wie er davon war, aber natürlich vergebens, denn niemand begriff, niemand wollte begreifen, damit blieb er allein, und dann kamen wir zur Tür herein, seine Schwester Sissel, die Krankenpflegelehrerin war, sich für Politik und Literatur interessierte, sich für Philosophie interessierte, ihr Sohn Yngve, der studierte, wovon Kjartan immer geträumt hatte und in den letzten Jahren immer mehr, und ihr Sohn Karl Ove. Ich war siebzehn, ich ging aufs Gymnasium, und obwohl ich kein Wort von dem verstand, was er in seinen Gedichten schrieb, wusste er, dass ich Bücher las. Das reichte ihm. Wir kamen herein, und seine Schleusen öffneten sich. Alles, was er im letzten Jahr an Gedanken gesammelt hatte, strömte heraus. Es spielte keine Rolle, dass wir nichts verstanden, es spielte keine Rolle, dass Heiligabend war und geräucherte Hammelrippchen, Kartoffeln, Kohlrabipüree, Weihnachtsbier und Aquavit auf dem Tisch standen; er sprach über Heidegger, von innen heraus, ohne ein einziges kommunizierendes Bindeglied zur Außenwelt, da gab es das Dasein und Das Man, es gab Trakl und Hölderlin, es gab den großen Dichter Hölderlin, es gab Heraklit und Sokrates, Nietzsche und Platon, es gab die Vögel in den Bäumen und die Wellen im Fjord, es gab das Dasein der Menschen und das Auftauchen der Existenz, es gab die Sonne am Himmel und den Regen in der Luft, die Augen der Katze und das Stürzen des Wasserfalls. Mit zerzausten Haaren, schief sitzendem Jackett und einer Krawatte voller Flecken saß er dort und redete, seine Augen glühten, sie glühten wirklich, und ich werde es nie vergessen, denn draußen herrschte vollkommene Finsternis, der Regen schlug gegen die Fenster, es war Heiligabend in Norwegen 1986, unser Heiligabend, die Geschenke lagen unter dem Baum, alles war geschmückt, und das einzige Gesprächsthema hieß Heidegger. Großmutter zitterte, Großvater saß da und nagte an einem Knochen, Mutter lauschte aufmerksam, Yngve hörte nicht mehr hin. Ich selbst stand dem Ganzen teilnahmslos gegenüber und freute mich in erster Linie, weil Weihnachten war. Aber obwohl ich nichts von dem verstand, was Kjartan sagte, und nichts von dem, was er schrieb, und auch nichts von den Gedichten, die er so inbrünstig pries, erkannte ich intuitiv, dass er Recht hatte, dass es eine höchste Philosophie und eine höchste Dichtung gab, und wenn man sie nicht verstand, wenn man es nicht schaffte, Anteil an ihr zu nehmen, war man selber schuld. Wenn ich seither an das Höchste gedacht habe, ist mir stets Hölderlin in den Sinn gekommen, und wenn ich an Hölderlin gedacht habe, ist dies immer mit dem Gebirge und dem Fjord, der Nacht und dem Regen, dem Himmel und der Erde und den glühenden Augen meines Onkels verbunden gewesen.“ Knausgard. Der wird wie Proust einer der ganz Großen der Literaturgeschichte!

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