Inselgeträume. Die Opiumhöhle der kleinen Frau

Es gibt Tage, an denen bin ich gnadenlos angeekelt. Von der Stadt, in der ich lebe. Von den Menschen, die neben mir her auch in dieser hässlichen Stadt leben und denen alles seltsam egal ist. Von Lärm, Gestank und allgemeiner Rücksichtslosigkeit.

Genervt starren roboterähnliche Passanten auf ihre Smartphones und treten Tauben und Müll aus dem Weg. In kurzem Gemurmel beschweren sie sich über all die Vogelscheiße an den Bahnhöfen, während sich ein Obdachloser auf dem Bahnsteig erleichtert.

Durch Pfützen aus Urin und Erbrochenem waten die Roboter in ihre Büros, wo sie bis zum späten Nachmittag Dinge tun werden, in denen sie auch heute wieder vergebens nach Sinn suchen sollen. Für das Geld, das sie dabei verdienen, haben sie gelitten. So sehr gelitten, dass der bettelnde Penner mit der zerknitterten Zeitschrift keinen Cent davon sehen wird.

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Verlegen schauen die Roboter weg. Sie schämen sich beinah, weil es ihnen so verdammt nochmal scheißegal ist, wo der schuhlose Penner und seine Frostbeulen heut Nacht schlafen werden. Auch die Roboter sind angeekelt von sich und erleichtern ihre Köpfchen mit Gedudel aus Fernsehern oder in Spielhallen oder in andere Menschen hinein. Oder sie trinken oder rauchen oder fressen oder kotzen oder wichsen oder ringen sich Blut ab, um sich mal wieder zu spüren zwischen all der Watte aus Selbstschutz und verschlossenen Augen.

An Tagen, an denen meine Pergamenthaut rissig und zu dünn für diesen Haufen Dreck ist, in dem mir die Tauben das Sympathischste sind und ich mich schäme Mensch zu sein, träume ich von meiner Insel. Von meiner kleinen Insel ohne Fäkalien. Ohne Lärm, Gestank und ohne Roboter. Auf meiner kleinen Insel gibt es Möwengeschrei, Meeresrauschen und frische Salzluft. Keine Roboter, nur ein paar Menschen. Und es gibt kein Boot und auch keine Anlegestelle, nichtmals einen Postkasten für all die schlechten Nachrichten, die mir gestohlen bleiben können.

Und am Ende eines Tages voll des Wegträumens auf einsame Inseln ekelt mich nur noch das Eine: meine Inkonsequenz, die mich hier hält und lähmt.

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Ein Gedanke zu „Inselgeträume. Die Opiumhöhle der kleinen Frau“

  1. Der Nachwuchs muss versorgt, das Nest abbezahlt werden. Und bei den heutigen Ansprüchen gestaltet sich mitunter selbst die Paarungsphase als schwierig. Da mag der laut geäußerte Wunsch nach einer Insel als „Defätismus“ zu Entfremdungen führen.
    Aber selbst wenn mal welche nicht sittlich einfügt sind ins Menschengeschlecht, ist das oft wenig erbaulich: freigestellt von etwas, fühlt keiner sich verpflichtet für etwas. Stattdessen wird in der Sonne vor sich hingerostet…

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