Romandinge

Ich erinnere mich nicht, seit wann ich davon träume, irgendwann mal einen fertigen Roman von mir in den Händen zu halten. Seit einigen Jahren schiebe ich die Verwirklichung dieses Traums nun jedenfalls schon vor mir her, die Ausreden wechseln dabei gerne zwischen Zeitmangel, wichtigeren Dingen und der Angst zu scheitern.

Vor einer Woche habe ich beschlossen, dass die faule Aufschieberei jetzt ein Ende hat und ich endlich loslege. Dazu habe ich mir das Schreibprogramm Ulysses gekauft, mit dem sich auch große Mengen Text ganz wunderbar verwalten, herumschieben und perfektionieren lassen.

Zum Text selbst bin ich seitdem leider noch nicht so recht vorgedrungen. Derzeit werkel ich noch an der Kapitelabfolge und Portionierung des Inhalts. Wann darf der Leser was erfahren? Wer ist wann wo und warum? Wichtige Dinge, die geklärt sein wollen. So baue ich mir ein wunderbares Arbeitsgerüst, das ich dann später wieder einreißen oder umbauen kann. Für die erste Zeit brauche ich das jedenfalls erstmal, Stützräder für meinen Roman quasi.

Ich melde mich hier zwischendurch mal, was meine ersten Fahrversuche so machen und wie ich mich beim Romanschreiben so anstelle. Schreibt mir gerne, wenn ihr Tipps zum Start ins Romanschreiben habt!

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2 Kommentare zu „Romandinge“

  1. Einer meiner ehemaligen Studienleiter bezeichnete das Schreiben eines Heftromanes als „Knochenarbeit“. Und daran ändert sich auch nichts, wenn der Heftroman getarnt wird als edles Hardcover: man schreibt vom Fernseher ab, was dort passiert. Tausend Seiten lang. Obendrein als „Problemkomponist“ völlig am Leben vorbei. Dem Leser mag es egal sein, ob ein Autor je von den Schusswaffen Gebrauch machte, von denen er schreibt. Der Leser will zuallermeist „abgeschaltet“ werden, ganz gleich wie, Hauptsache das Zeug wirkt. Und Realität hat der Leser im Zweifel selbst genug. Aber ob die Aussicht auf ein paar Silberlinge eine Existenz als Lügenbaron wert ist?
    Nun bezieht „Ulysses“ sich bestimmt auf Hollywoods in tausenden Drehbüchern erprobte „Reise des Helden“, nicht auf James Joyce. Profis können es sich kaum leisten, zehn Jahre an einem Lebenswerk zu schaffen. Sie müssen schreiben, schreiben, schreiben – auch wenn sie gerade nichts zu schreiben haben. Ist man aber Amateur, und liegt einem etwas an seinem Seelenleben, dann sollte man auf seinem Lebenswerk bestehen. Egal, wie übel einem das bekommen mag. Die Vorstellung, dafür zweihundert Jahre später drei Millionen Fans im Facebook zu haben, sollte einem selbst elendste Enden erträglich machen: „Die Tragödie Friedrich Nietzsches ist ein Monodram: sie stellt keine andere Gestalt auf die kurze Szene seines Lebens als ihn selbst. In allen den lawinenhaft abstürzenden Akten steht der einsam Ringende allein, niemand tritt ihm zur Seite, niemand ihm entgegen, keine Frau mildert mit weicher Gegenwart die gespannte Atmosphäre. Alle Bewegung geht einzig von ihm aus und stürzt einzig auf ihn zurück: die wenigen Figuren, die anfangs in seinem Schatten auftreten, begleiten nur mit stummen Gesten des Staunens und Erschreckens sein heroisches Unterfangen und weichen allmählich wie vor etwas Gefährlichem zurück. Kein einziger Mensch wagt sich nahe und voll in den innern Kreis dieses Geschickes, immer spricht, immer kämpft, immer leidet Nietzsche für sich allein. Er redet zu niemandem, und niemand antwortet ihm. Und was noch furchtbarer ist: niemand hört ihm zu. Sie hat keine Menschen, keine Partner, keine Hörer, diese heroische Tragödie Friedrich Nietzsches: aber sie hat auch keinen eigentlichen Schauplatz, keine Landschaft, keine Szenerie, kein Kostüm, sie spielt gleichsam im luftleeren Raum der Idee. Basel, Naumburg, Nizza, Sorrent, Sils-Maria, Genua, diese Namen sind nicht seine wirklichen Hausungen, sondern nur leere Meilensteine längs eines mit brennenden Flügeln durchmessenen Weges, kalte Kulissen, sprachlose Farbe. In Wahrheit ist die Szenerie der Tragödie immer dieselbe: Alleinsein, Einsamkeit, jene entsetzliche wortlose, antwortlose Einsamkeit, die sein Denken wie eine undurchlässige Glasglocke um sich, über sich trägt, eine Einsamkeit ohne Blumen und Farben und Töne und Tiere und Menschen, eine Einsamkeit selbst ohne Gott, die steinern ausgestorbene Einsamkeit einer Urwelt vor oder nach aller Zeit. Aber was ihre Öde, ihre Trostlosigkeit so grauenhaft, so gräßlich und zugleich so grotesk macht, ist das Unfaßbare, daß dieser Gletscher, diese Wüste Einsamkeit geistig mitten in einem amerikanisierten Siebzig-Millionen-Lande steht, mitten in dem neuen Deutschland, das klirrt und schwirrt von Bahnen und Telegraphen, von Geschrei und Gedränge, mitten in einer sonst krankhaft neugierigen Kultur, die vierzigtausend Bücher jährlich in die Welt wirft, an hundert Universitäten täglich nach Problemen sucht, in hunderten Theatern täglich Tragödie spielt und doch nichts weiß und nichts ahnt und nichts fühlt von diesem mächtigsten Schauspiel des Geistes in ihrer eigenen Mitte, in ihrem innersten Kreis. Denn gerade in ihren größten Augenblicken hat die Tragödie Friedrich Nietzsches in der deutschen Welt keinen Zuschauer, keinen Zuhörer, keinen Zeugen mehr. Anfangs, solange er noch als Professor vom Katheder spricht und Wagners Lichtkraft ihn sichtbar macht, bei seinen ersten Worten, weckt seine Rede noch eine kleine Aufmerksamkeit. Aber je tiefer er in sich selbst, je tiefer er in die Zeit hinabgreift, um so weniger findet er Resonanz. Einer nach dem andern von den Freunden, von den Fremden steht während seines heroischen Monologs verschüchtert auf, von den immer wilderen Verwandlungen, von den immer glühenderen Ekstasen des Einsamen erschreckt, und läßt ihn auf der Szene seines Schicksals entsetzlich allein. Allmählich wird der tragische Schauspieler unruhig, so ganz ins Leere zu sprechen, er redet immer lauter, immer schreihafter, immer gestikulativer, um sich Widerklang oder wenigstens Widerspruch zu entzünden. Er erfindet sich zu seinem Wort eine Musik, eine strömende, rauschende, dionysische Musik –aber niemand hört ihm mehr zu. Er zwingt sich zu Harlekinaden, zu einer spitzen, schrillen, gewaltsamen Heiterkeit, er läßt seine Sätze Kapriolen springen und sich in Lazzi überschlagen, nur um mit künstlichem Spaß für seinen furchtbaren Ernst Hörer heranzuködern –aber niemand rührt zum Beifall die Hand. Er erfindet sich schließlich einen Tanz, einen Tanz zwischen Schwertern, und übt verwundet, zerfetzt, blutend seine neue tödliche Kunst vor den Menschen, aber niemand ahnt den Sinn dieser schreienden Scherze und die todwunde Leidenschaft in dieser aufgespielten Leichtigkeit. Ohne Hörer und Widerhall endet vor leeren Bänken das unerhörteste Schauspiel des Geistes, das unserem stürzenden Jahrhundert geschenkt war. Niemand wendet nur lässig den Blick, wie der auf stählerner Spitze hinschwirrende Kreisel seiner Gedanken zum letztenmal herrlich aufspringt und endlich taumelnd zu Boden fällt.“ Stefan Zweig.

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    1. Lieber chschlesinger,

      vielen Dank für die ausführlichen Worte und das umfangreiche Zitat des wunderbaren Stefan Zweig.

      Mein Roman (ich benenne das unfertige Stück Wortsalat einfach schonmal bei seiner Bestimmung) soll niemanden abschalten, eher gegenteilig. Ich will Leben zeigen, Leben das nicht eigenes ist und doch den kleinsten gemeinsamen Nenner in sich trägt.

      Likes auf Facebook sind mir dabei erstmal egal. Ich brüte seit einer gefühlten Ewigkeit an dieser einen Geschichte herum und nun wird es Zeit für die Geburt. Vielleicht wird es ein ganz und gar hässliches Romankind, von dem sich alle naserümpfend abwenden. Aber ich werde es trotzdem lieben.

      Und sicherlich sind es auch die Irrfahrten des Lebens ein unerlässliches Instrumentarium des Schreibens.

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